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Interview: Timo Wuerz

Anlässlich seiner bei POPCOM erscheinenden Werkschau haben wir um eine Audienz beim sympathischen Kreativ-Tausendsassa gebeten, um ihm unter anderem dazu einige Fragen zu stellen.

(C) Timo Wuerz / Timo Wuerz / Zum Vergrößern auf das Bild klickenFür deutsche Comic-Leser war es in den 1990ern und 2000ern schwer, an Timo Wuerz vorbeizukommen. Der 1973 geborene Schwabe, der bereits im zarten Alter von 14 Jahren seine ersten Arbeiten ausstellte, legte mit 20 sein erstes Comic-Album "Aaron & Baruch" vor und ließ diesem sowohl Heiteres wie "Lula + Yankee" (1995/96) als auch düstere Stoffe wie "XCT" (1997) oder "Black Metal" (2001) folgen. Nachdem sich das Multitalent in den vergangenen Jahren anderen künstlerischen Bereichen gewidmet hat (Plattencover, Poster, Briefmarken, Designs für Luxusautos, Themenparks und vieles mehr), kommt im Rahmen einer ambitionierten Werkschau bei POPCOM mit "Ghost Realm" auch ein brandneuer Comic heraus.


SLAM: Wie ist es zur Gesamtausgabe deiner bisherigen Comic-Werke bei POPCOM gekommen? Wer hatte die Idee dazu und wer ging da auf wen zu?

Timo Wuerz: Im Lauf der Jahre stand es immer mal wieder im Raum, meine alten Sachen wieder zu veröffentlichen. Meist war ich nicht so überzeugt davon. Nun kamen halt ein paar Dinge zusammen: Unter anderem, dass bei der Ausstellung zu 150 Jahren deutschsprachiger Comics einige meiner Bilder gezeigt wurden und ich so meine Sachen im Kontext sah und feststellte, dass sie vielleicht doch noch relevant sind, auch 20 Jahre später. Aber vor allem, dass ich quasi aus Versehen zum ersten Mal seit 15 Jahren einen neuen Comic malte. Als ich das bei einem gemeinsamen Essen mit Joachim Kaps, dem POPCOM-Chef, erwähnte, fiel ihm fast das Essen aus dem Mund und er sagte gleich unbesehen: "Ich mach's!" Und da halb besoffen rausgeschmissenes Geld ist, erscheint mein Neuling umringt von meinen früheren Werken. Es werden alles in allem neun Bücher innerhalb von fast zwei Jahren, alle schön dick und restauriert als Hardcover. Eines davon ist übrigens eine fette Sammlung meiner Metal-Plattencover, die Ende dieses Jahres erscheinen wird.


SLAM: Den Auftakt der Veröffentlichungen bildet mit dem ersten Band von "Ghost Realm" ja besagter neuer Comic, der gemeinsam mit Robert Franke entstanden ist. Was hat dich dazu bewogen, dich nach längerer Auszeit wieder an ein neues Projekt zu wagen?

Timo Wuerz: Ich hatte vor Jahren schon einmal Robert Franke bei einem Film unterstützt und als er mit "Ghost Realm" auf mich zukam, weil die Story perfekt zu meinem Stil passe, machte ich einige Concept Designs. Er suchte dann einen Zeichner für die Comic-Version, weil die zuerst einmal schneller und günstiger umzusetzen ist als ein viele Millionen Euro teurer Film. Ich stellte klar, dass ich dafür nicht in Frage käme und er sich nach einem anderen Zeichner umsehen müsse. Die Suche nach einem geeigneten blieb erst einmal erfolglos und zunehmend gefiel mir die Vorstellung nicht, dass jemand anderes "Ghost Realm" umsetzt, wo ich doch schon das Grunddesign gemacht hatte und das Konzept echt toll fand, mit vielen visuellen Möglichkeiten. Sehr zu Roberts Überraschung sagte ich ihm dann, er solle die Suche einstellen, ich mach's selbst. Wenn ich alle Freiheiten in der Umsetzung habe. Er war hoch erfreut und so begann es…


(C) POPCOM / Ghost Realm 1 / Zum Vergrößern auf das Bild klickenSLAM: Kannst du uns bitte etwas den Mund wässrig machen mit einem kleinen Einblick, was uns in "Ghost Realm" erwarten wird?

Timo Wuerz: Eine sehr coole, straighte und temporeiche Geschichte, in der die Hauptfigur Sam Hain seiner Angebeteten in eine wundersame Zwischenwelt folgt, voll mit sehr seltsamen Charakteren und durchzogen von Voodoo. Der Sidekick Papaya, eine Voodoopuppe, hat schon viele Freunde gefunden: "Oh, ist der süß!" Die Story ist quasi eine neue Variante von Orpheus und Eurydike, hat Genreanleihen, ist aber originell genug, um leicht bei Laune zu halten. Die bildliche Umsetzung ist wie gewohnt bei mir sehr malerisch, rasant und voll mit "visuellen Rammattacken", wie es mein Verleger beim ersten Anschauen nannte (lacht). Auf jeden Fall ist "Ghost Realm" originell und wohl mit nichts vergleichbar, was es momentan so gibt, zumindest was ich so kenne. Ich habe viel Spaß damit, male ich doch gerade am zweiten und abschließenden Teil, der im Frühjahr 2017 erscheinen wird.  


SLAM: Manche Künstler sind ja äußerst kritisch mit ihren früheren Arbeiten, würden im Nachhinein gerne noch Sachen ändern oder tun das auch tatsächlich. Wie ist das bei dir, wenn du auf die Titel zurückblickst, die jetzt eine Neuauflage erfahren?

Timo Wuerz: Mit einigen Jahren Abstand werden die Bücher ein Zeitdokument und man hat eh so viel anderes zwischenzeitlich gemacht, sodass man den alten Sachen gnädig gegenübersteht. Ich stelle meist fest, dass sie eigentlich ziemlich cool sind und besser als ich sie in Erinnerung hatte! Und wenn sie gut gealtert sind und die Geschichte immer noch relevant genug ist, habe ich auch nichts gegen ein Wiedererscheinen. Vor allem so schön in Hardcover und als Prachtband, wie es bei diesen Ausgaben nun der Fall sein wird.  


SLAM: Können wir uns im Rahmen der einzelnen Bände auch auf schönes Bonusmaterial mit Blicken hinter die Kulissen, Studien, Skizzen und dergleichen freuen?

Timo Wuerz: Jede Menge. Ich sehe dies schon als ultimative Ausgabe, sodass ich alles reinpacke, was sinnvoll und cool ist. Es werden Skriptausschnitte, Skizzen, unveröffentlichte Bilder und ganze Seiten drin sein. Macher und Wegbegleiter werden zu Wort kommen. Da gibt es so einige unterhaltsame Geschichten. Bei der Serie "Lula + Yankee" werden es sogar gut 150 unveröffentlichte Seiten sein, die hier zum ersten Mal gedruckt werden. Dass ich neue Cover male, ist da ja fast schon selbstverständlich.


SLAM: Wie siehst du derzeit die Lage für Comic-Kreative in Deutschland? Wirklich davon leben können wohl nur die allerwenigsten, du selbst bist ja ein Multitalent und in vielen anderen Sparten aktiv. Bereichen, wo sich sicher auch mehr verdienen lässt als mit Comics.

Timo Wuerz: Persönlich habe ich immer gut an Comics verdient. Ich hörte auf, weil ich innerhalb von acht Jahren zwölf Alben gemacht und in dem Medium nichts mehr zu sagen hatte. Also wendete ich mich vermehrt anderen Dingen zu. Weder war eine so lange Comic-Abstinenz noch eine so umfassende Rückkehr geplant. Ich mache das meiste für, aber nichts wegen Geld!


(C) Timo Wuerz / Timo Wuerz Artwork / Zum Vergrößern auf das Bild klickenSLAM: Auf deiner Website hast du eine Statistik geliefert, woran du 2015 gearbeitet hast. Da sind neben vielen Covers, Karikaturen, Innenillustrationen für Bücher und drei Designs für Autos auch sage und schreibe 195 Comic-Seiten aufgelistet. Ein unvorstellbares Pensum! Wie schafft man das ohne Schlafentzug?

Timo Wuerz: Das fragte ich mich auch als ich fertiggezählt hatte. Die unspektakuläre Antwort ist wohl, dass ich viel Routine habe und von Natur aus mit viel Talent und hohem Arbeitstempo gesegnet bin. Der Rest sind Fokus und extreme Konzentration. Und ja, ich male jeden Pinselstrich selbst. Sicherlich bin ich fleißig, aber endlose Arbeitsstunden ohne Pause und durchgemalte Nächte kommen nicht vor. Eher Konstanz.


SLAM: Kannst du uns bitte anhand "Ghost Realm" erzählen, wie eine Comic-Seite entsteht und wie lange du vom Entwurf bis zur Fertigstellung brauchst?

Timo Wuerz: Aufgrund von Robert Frankes Skript skizziere ich das Layout einiger Doppelseiten ganz grob. Und ich meine ganz grob. Außer mir erkennt da wohl kaum jemand etwas. Dann geht's direkt zum Papier. Ganz traditionell mit Aquarell, Tusche und Acryl male ich die Seiten, scanne sie und bearbeite sie noch minimal am Rechner. Schrift dazu und das Ganze wieder von vorn bei den nächsten Seiten. Bis eben die 130 Comic-Seiten des ersten Bands fertig sind. Im Durchschnitt schaffe ich pro Tag zwei bis vier Seiten, je nach Komplexität. Warum ich traditionell male? Vor allem weil ich es kann (lacht)! Vor über 20 Jahren war ich einer der ersten, die digitale Bildbearbeitung genutzt haben, beim ursprünglich im Carlsen Verlag erschienenen "XCT", aber ich bin und bleibe nun mal bei allen Experimenten traditioneller Maler. Zudem habe ich so Originale für Ausstellungen und so weiter. Es gibt kaum etwas Peinlicheres als Prints von Dateien bei Ausstellungen zu sehen. Außer vielleicht sie sind vier Meter groß.


SLAM: Wie kann man sich einen typischen Arbeitstag von Timo Wuerz vorstellen? Du bist ja auch viel unterwegs – gibt es da überhaupt einen typischen Arbeitstag?

Timo Wuerz: Wenn ich nicht gerade unterwegs bin, kann der Alltag fast mönchisch sein. Ich bin Frühaufsteher und mit einem Kaffee bewaffnet geht's an den Schreibtisch. Nichts entspannt mich mehr als das Malen. Beschweren kann ich mich also wahrlich nicht. Ich tue das, was ich liebe. Unterwegs rund um den Planeten habe ich ein ähnliches Tempo wie beim Malen: Tage werden mit Terminen vollgepackt und meine Weltreisen habe ich in jeweils vier Wochen absolviert. Das ist alles nicht gehetzt oder erzwungen, sondern wie gesagt nur meine natürliche Geschwindigkeit.


SLAM: Was sind deine Comic-Favoriten und was liegt aktuell bei dir auf dem Lesestapel?

Timo Wuerz: Ich lese ganz selten Comics. Die letzten Jahre habe ich Franquins "Spirou" zum ersten Mal gelesen und wieder einmal die "Harry und Platte"-Serie. Sachbücher lese ich allerdings in rauen Mengen, von Ökologie über Geschichte und Politik bis hin zu kuriosen Büchern aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Ich bin wohl ein Bücherjunkie.


SLAM: Nicht nur "Black Metal", sondern auch deine unzähligen Artworks für Metal- und Rockbands legen ja doch eine gewisse Affinität für diese Genres nahe. Was sind deine persönlichen Favoriten und welche Bands aus anderen Genres hörst du gerne?

Timo Wuerz: Wie vermutlich dadurch leicht zu erahnen ist, liebe ich Musik mit lauten Gitarren. Musik ist sicherlich eine Leidenschaft von mir. Musik läuft fast immer und Konzerte besuche ich häufig. Natürlich werde ich beim ersten Reunionkonzert von GUNS N' ROSES in Las Vegas dabei sein. Früher spielte ich in Orchestern, sodass ich immer noch Orchestermusik für das Größte halte. Aus meinem Studio schallen ebenso häufig wie Metal eben Mahlers Lieder, Palestrinas Messen, Puccinis Opern. Ich halte es ganz mit dem Dirigenten Toscanini, der sagte: "Beethovens Neunte muss man eigentlich immer auf Knien dirigieren." Ebenso sollte man die Gemälde von Rembrandt, Rubens oder Tiepolo auf Knien betrachten. Ehrfurcht und Demut sind gegenüber manchen Künstlern nun mal angebracht.


(C) Timo Wuerz / Timo Wuerz Artwork / Zum Vergrößern auf das Bild klickenSLAM: Spielt Musik für dich auch im Kreativprozess eine Rolle, lässt du dich davon beeinflussen, wenn du gerade arbeitest? Falls dem so ist: Im Anhang zu "Sandman Ouvertüre" sind die Alben abgedruckt, die J. H. Williams III während des Zeichnens gehört hat. Wie könnte eine solche Playlist von dir aktuell ausschauen?

Timo Wuerz: Bei der Entstehung von "Ghost Realm" spielten die Platten von PANOPTICON, den Schweizer Black Metallern SCHAMMASCH, "Screech Owl" von WOLD und das Album "Dark Magus" von MILES DAVIS eine wichtige Rolle. Die oben genannten Bands und Komponisten sowie BOYSETSFIRE, PINK FLOYD, JETHRO TULL, ASP oder NANCI GRIFFITH liegen auch nie weit entfernt von meiner Musikanlage.


SLAM: Du hast mittlerweile schon so viel in den unterschiedlichsten Branchen und Genres gemacht, dass es schwer fällt, sich da irgendwie einen Überblick zu verschaffen. Deshalb satteln wir das Pferd einmal anders auf: Was hast du eigentlich noch nicht gemacht, würdest es aber gerne, wenn sich die Chance ergibt?

Timo Wuerz: Da ich ausschließlich mache, was ich will, lässt sich das nicht so leicht beantworten. Außer dass ein IRON MAIDEN-Cover noch ein Traum wäre, habe ich nichts zu beanstanden. Ich habe bereits vor Jahren aufgehört, zu meinem eigenen Ruhm oder zur Vervollkommnung meiner Kundenliste zu malen. Ich male für Projekte, Leute und Ideen, die ich unterstütze. Ihnen widme ich meine Arbeit. Sei es die tolle "Ghost Realm"-Story umzusetzen, mit der Robert Franke auf mich zukam, ein Film- oder Showprojekt, das sich cool anhört, oder ein Artenschutzprojekt, das ich mit meiner Kunst unterstützen kann. Das Hauptmotiv, zu Pinsel und Farbe zu greifen, ist immer noch, die Schönheit der Natur zu zeigen. Von ihr habe ich alles gelernt, was ich male. Für sie male ich.


SLAM: Letzte Frage… Pepsi oder Coke?

Timo Wuerz: Coke Life momentan. Aber hauptsächlich Wasser.


 
# # # Andreas Grabenschweiger # # #



Timo Wuerz bei POPCOM

März 2016: "Ghost Realm" Band 1
Juni 2016: "Aaron & Baruch"
Oktober 2016: "Lula + Yankee" Band 1
Dezember 2016: "XCT/The Art of Music"
April 2017: "Ghost Realm" Band 2
Juli 2017: "Black Metal"
Oktober 2017: "Lula + Yankee" Band 2


 
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