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Review: Im tiefen Wald

Ein Ausflug in die schwedischen Wälder macht schnell deutlich, dass nicht jeder Ort für einen Urlaub geeignet ist.

(C) Heyne Verlag / Im tiefen Wald / Zum Vergrößern auf das Bild klickenBetrachtet man den augenblicklichen Markt an Horror- und Gruselliteratur, so kann man schnell zu dem Urteil gelangen, das in diesem Genre bereits alles erzählt ist. Oder aber man sieht sich mit schwülstig-kitschigen Liebesschnulzen konfrontiert, die sich unter dem Deckmantel des Horrorromans verbergen, bloß weil die Hauptfiguren liebestolle Vampire oder verschmähte Werwölfe sind. Besonders hellhörig wird man zudem immer dann, wenn der Waschzettel vollmundig "Einen Horror-Thriller der neuen Generation" verspricht. Doch die Skepsis ist im Fall von Adam Nevills erstem, in deutscher Sprache vorliegenden Roman unbegründet. Hier sind die angeführten Eigenschaften tatsächlich nicht zu hoch gegriffen, denn "Im tiefem Wald" ist wirklich ein innovativer Beitrag zum Horrorgenre geworden.


Das Buch beginnt, wie viele andere, mit dem Aufbruch einer kleinen Gruppe von jungen Männern in die raue und unwirkliche Natur der schwedischen Wälder. Schon nach wenigen Seiten sind deutliche Unterschiede zu anderen Vertretern des Genres zu erkennen. Oft bleiben die Figuren solcher Geschichten eindimensionale, Klischee beladene Charaktere, die lediglich den Zweck erfüllen, das nächste Opfer eines unbeschreiblichen Grauens zu werden, das im Unterholz lauert. Nevill hingegen verleiht seinen Protagonisten Tiefe, der Leser erfährt peu àpeu eine Menge über Seele und Psyche der Gruppenteilnehmer, was für eine ungewohnte Vielschichtigkeit der Figuren sorgt. Strahlende Helden oder bösartige Widerlinge wird man hier vergebens suchen.


Natürlich werden auch in diesem Roman die Liebhaber gepflegten Horrors auf ihre Kosten kommen. Die sich aufbauende Atmosphäre der Angst und Verunsicherung ist extrem dicht, sorgt beim Lesen für ein beklemmendes Gefühl und man kann gar nicht anders als mitfiebern. Die Splatter-Elemente kommen sehr dosiert zum Einsatz, haben es aber in sich. Nevill gelingt es, ein wirklich grauenvolles Szenario zu entwerfen, in dem man die Verzweiflung der Figuren spüren kann. Dabei schafft er es, die Spannung über einen langen Zeitraum aufrecht zu erhalten, ohne zuviel über das Böse, das in den Wäldern lauert, preiszugeben.


Mit der vermeintlichen Rettung, die der Odyssee durch die scheinbar endlosen Wälder folgt, beginnt das eigentliche Grauen. Urplötzlich vermutet der Leser ein anderes Buch aufgeschlagen zu haben, denn nun beginnt eine ganz andere Geschichte ihren Lauf zu nehmen. Wie furchtbar das Wesen in den Tiefen des Waldes auch sein mag, was nun auf die Überlebenden wartet, ist nichts im Vergleich zu dem, was sie auf der Jagd durch den Forst erdulden müssen. Doch auch hier tappt Nevill nicht in die Falle und verfällt in althergebrachte Muster, sondern kreiert ein Figurenensemble, das wie seine Opfer mit einer enormen Vielschichtigkeit des Weges kommt. Stück für Stück geben sie ihre Beweggründe und verqueren Argumente preis, die sie zu ihrem abstrusen Handeln motivieren.


Dazu kommt eine undurchsichtige alte Frau, die scheinbar in den Diensten der absonderlichen Gruppe von verblendeten Jungendlichen steht, doch auch sie hütet ein Geheimnis aus der Vergangenheit. Besonders dieser zweite Teil macht "Im tiefem Wald" zu einer willkommenen Ausnahme im Dickicht der aktuell veröffentlichten Horrorromane. Hier wird ein Thema auf eine ungewöhnliche Art und Weise angegangen und bietet dazu neue, unverbrauchte Figuren, die dem Genre die längst nötige Frischzellenkur verabreichen. Zudem könnte dieses Buch auch den ein oder anderen Fan extremer Musik interessieren, wer darüber mehr erfahren möchte, sollte einen Blick in die Seiten von "Tief im Wald" wagen.


Eine zusätzliche Stärke von Nevills Werk liegt in der Fähigkeit zwei scheinbar für sich allein stehende Buchteile am Ende logisch und schlüssig miteinander zu verbinden, ohne das die Angelegenheit bemüht wirkt. Am Ende stellt sich einem die Frage, wer hier das Monster ist. Die Antwort ist jedem selbst überlassen. Wenn dieses Buch tatsächlich die neue Dimension eines Genres sein sollte, in dem schon vieles erzählt erschien, kann man sich auf die Geschichten freuen, die Adam Nevill noch für seine Leserschaft bereithält. 



# # # Oliver Fleischer # # #



Publisher: Heyne Verlag





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