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SLAM #107 mit Interviews und Storys zu SONS OF APOLLO +++ MIDNIGHT +++ TRAIL OF DEAD +++ KOPFECHO +++ RAISED FIST +++ BOHREN & DER CLUB OF GORE +++ MONO INC. +++ FOLKSHILFE +++ APOCALYPTICA +++ u.v.m. +++ plus CD mit 10 Tracks! Jetzt am Kiosk!

ADAM WEST & ZAMARRO

Von A bis Z – das volle Brett

Als die Schweizer Highwayrocker ZAMARRO im Herbst 2004 von ihrem Tour- und Studioaufenthalt an der US-Amerikanischen Westküste in die Heimat zurückkehrten, trafen sie zufällig für zwei Konzerte mit der Ostküstenbreitseite ADAM WEST zusammen, die gerade zum vierten Mal durch den alten Kontinent fegte. Nach dem zweiten Abend wurde einander heftig geherzt und man ließ alle Arten von Wiederholungswünschen vom Stapel, wie das in der kleinen, weltumspannenden Rock’n’ Roll-Family so üblich ist. Dass nach dem Schall der lauten Versprechungen nicht nur der Rau(s)ch übrig blieb, war der Zusammenarbeit der Bookingagenturen, dem Entgegenkommen der Veranstalter und einem kleinen, feinen Singlelabel zu verdanken, welche die Kontakte zu dem Straßenasphalt mischten, auf dem ADAM WEST und ZAMARRO ein Jahr später 14 gemeinsame Shows in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Holland unter die Räder nahmen. Obwohl einen Monat vor der Tour bei ADAM WEST die größte Komplikation bereits aus dem Weg geräumt worden war, indem Jim Sciubba von CHANNEL 43 den Sitzplatz und die Sticks seines Vorgängers Ben Brower übernahm und ZAMARRO sich mittels Finanzierungslösung für den lang ersehnten neuen Bandbus ihrer größte Sorge entledigt hatten, klebte noch weiterer Harz an den Startblöcken.
So wurde die Übergabe der Tour-Split-Single vom Osnabrücker Kleinlabel No Balls Records drei Tage vor dem anvisierten Termin als verzögert gemeldet, weil die GEMA die Freigabe für das Presswerk vertrödelt hatte. Lange Gesichter bei den Bands - denn die 7“ hatte auch als Aufhänger für die Tourpromotion hergehalten – und auch bei den Enthusiasten vom Label, denn es war unklar, wann die Auslieferung die Reisenden erreichen würde. Dass dann Interviewtermine kurzfristig abgesagt wurden und es zu einigen Problemen mit der Backline kam, war vergleichsweise harmlos im Vergleich zu mehreren drohenden Showabsagen. Aber eins nach dem andern.

Prelude im Norden: ROTTERDAM und HAMBURG

Die Shows in Rotterdam und Hamburg stellten so etwas wie das Vorspiel zu insgesamt drei weiteren Konzertblöcken von dreimal vier ADAM WEST/ZAMARRO-Harken dar. Weil bei dem Schweizer Trio – Sänger und Gitarrist Markus, Bassist Marco und Schlagzeuger Michael - berufliche Verpflichtungen eine gelegentliche Rückkehr ins heimatliche Basel unabdingbar machten, konnten nicht alle 30 Dates der „Hi-Balls Are Rolling“-Tour supportet werden. Vor allem der zehntägige Abstecher nach Frankreich und Spanien lag somit außerhalb der Reichweite.

In Rotterdam sind sie aber bereits seit über einer Stunde im „The Waterfront“, als man sich also erstmals seit den denkwürdigen Abenden des vergangenen Jahres trifft, weshalb das Hallo natürlich groß und herzlich ausfällt, als Sänger Jake, Bassist Steve, Gitarrist DanO und Drummer Jim in Begleitung ihres Fahrers Steve (genannt Mr. Connery, einfach so, weil er aus Schottland stammt) zur Tür hereinkommen.
Die Aufregung im Vorfeld war doch irgendwie spürbar gewesen. Für ADAM WEST stellt der jährliche Europatrip seit jeher den Jahreshöhepunkt, spielt man doch in den USA kaum je außerhalb der Region Washington DC/Virginia und auch das nicht allzu oft. ZAMARRO haben zwar durchschnittlich mehr Konzerte und auch sind sie Reisen in andere Länder gewohnt, aber in ihrem Stadium als neue Band mit gerade mal einer Langspielveröffentlichung, gilt diese Möglichkeit, als Opener mit einer erfahrenen Rock’n’Roll-Institution unterwegs zu sein, als Feuertaufe. Und nun soll es also losgehen. Zuerst einmal wird die ZAMARRO-Backline mit der zur Verfügung gestellten Agenturbackline von ADAM WEST in einen Topf geworfen, kräftig umgerührt und dann das beste daraus zusammengestellt, denn natürlich hat niemand Lust, unnötig Equipment zu bewegen und größtenteils wird das identische Setup gespielt. Nach dem langen Begrüßungs- und Backline-Traritrara ist bald einmal Eile angesagt, denn es wird noch einen lokalen Opener geben, FURY 161, und der will auch noch einen Soundcheck haben. Von Vorteil erweist sich dann, dass die Bands beide von einem Tontechniker verarztet werden, denn der ZAMARRO-Hausmischer übernimmt gleich auch noch die Soundkontrolle bei ADAM WEST und zudem sind beide sehr schnell zufrieden mit dem Check. Rock’n’Roll halt. Während des Wartens aufs Essen (die Küche im Waterfront hat heute frei, weshalb ein Lieferdienst sich Zeit lässt!) wird dann bereits gequasselt und gescherzt, die ersten Kronkorken werden verbogen und es hat den Anschein, man hätten sich letzte Woche noch gesehen.
Tja und zu Konzertbeginn fehlt dann eigentlich nur...das Publikum! Denn als FURY 161 den Abend einläuten, stehen vielleicht 100 Beine im Waterfront, was einerseits enttäuschend ist und andererseits auch bis zum Auftritt von ADAM WEST nicht besser werden sollte. Ein Streik der öffentlichen Transportunternehmen in Zusammenhang mit – gelinde ausgedrückt – Scheißwetter ist wohl der Grund für das Fernbleiben der restlichen 350 Nasen, die gut in diesen wirklich tollen Club passen würden. Immerhin: Als ZAMARRO auf die Bühne kommen, ist klar, dass FURY 161 ihren Job gut gemacht haben, denn der kleine Mob ist bei bester Partylaune und nimmt die ihnen unbekannten Männer vom andern Ende des Rheins äußerst wohlwollend in Empfang, was die ihm wiederum mit einem überzeugenden Auftritt danken. Es wird laut applaudiert und gejohlt zwischen den Songs, was Sänger Markus „Rocket In My Trousers“ dazu veranlasst, den Rotterdamern vom bevorstehenden Uefa-Cup-Aufeinandertreffen zwischen ihren beiden Städten zu erzählen. Das jedoch hinterlässt mehrheitlich fragende Gesichter und es wird wieder mal ersichtlich, dass Fußball in einem Rockpublikum sehr selten für Stimmung sorgt. Die Spielzeit ist aber heute kurz bemessen und nach einer kurzen Pause gilt natürlich die größte Aufmerksamkeit des Publikums den Jungs von ADAM WEST.
Ein bisschen Jetlag in den Knochen hält sie nicht davon ab, ein etwa einstündiges, dafür aber dermaßen energiegeladenes In-Your-Face-Set zu starten, dass so manchem Holländer zunächst die Spucke wegbleibt. Alsbald kommt aber die Wirksamkeit der Adam West-Mischung aus Geschwindigkeit und Melodie zum Tragen und die im vorderen Drittel des Saals verteilten Besucher fangen sich mehr und mehr an zu bewegen – Platz ist ja genug, leider! Was vor allem ADAM WEST-Kennern sofort auffällt, ist die gesteigerte Energie hinter der Schießbude. Ben Brower war sicherlich kein schlechter Schlagzeuger, aber was Jim „Whassupnigga“ Sciubba mit der Band anstellt, ist mehr als eindrücklich. Er treibt seine Kollegen vor sich her wie ein Berserker und selbst Steve und DanO sollten sich ob der Souveränität ihres neuen Schlussmannes hinterher tief beeindruckt äußern. Trotzdem kommt das Publikum nicht so richtig aus der Reserve und somit ist nach einer Zugabe Schluss mit Lustig.
Vor allem auch, weil der sofort einsetzende DJ es schafft, den beileibe nicht dezibelarmen Showblock lautstärkemäßig um Längen zu toppen, was jegliche Konversationsversuche total lächerlich aussehen lässt. Also leert sich das Waterfront innert 10 Minuten und auch die Bands fangen damit an, ihre Siebensachen zu packen, denn für ZAMARRO steht noch eine 30km-Fahrt zum Haus der holländischen Promoagentur an und die Amerikaner müssen ihr Hotel suchen. Müssten ihr Hotel suchen. Denn als alle draußen in den Bussen sitzen, fehlen plötzlich die beiden Drummer! Eine sofort eingeleitete Suchaktion fördert sie schließlich im Kreis der Veranstalter bei der Degustation der einheimischen Hanferzeugnisse zutage und danach ist es beinahe unmöglich, Jim, der das erste mal in Europa ist, seinen Partydrang auszureden. Dieses Spielchen sollte sich noch das eine oder andere Mal wiederholen.

Das Pech bei der Hamburger Show ist zunächst einmal die Anreise. Das ZAMARROMOBIL muss als erstes ein gutes Stück zurückfahren, weil Markus einfällt, was er alles hat liegenlassen. Denn werden doch tatsächlich beide Bandbusse unabhängig voneinander vom Deutschen Grenzschutz von der Autobahn gewunken und als es schon knapp wird, zur vereinbarten Zeit im Logo einzutreffen, kollabiert der Verkehr zwischen Bremen und Hamburg. Aber so richtig. Arschkarte gezogen. Die beiden Bands sitzen wenige Kilometer voneinander fest und auf einer Raststätte erhält man die Auskunft, dass es auf sämtlichen Ausweichstrassen noch schlimmer ist. Es bleibt nichts anderes, als den Veranstalter im Logo zu informieren und gemeinsam beginnt man zu hoffen, dass die Showtime eingehalten werden kann.
Schließlich kommt man nach sagenhaften achteinhalb Stunden im Club an, keine Stunde bevor ZAMARRO auf die Bühne müssen. Hinter einem Vorhang wird eilig das Set aufgebaut und als nächstes stellen sowohl ZAMARRO`s Marco, als auch ADAM WESTs DanO fest, dass ihre Verstärker nicht funktionieren! DanO beklagt damit die zweite Panne in zwei Tagen, denn gestern hatte sich bereits sein Pedal verabschiedet. Also Ruhe bewahren. Die Ersatzamps ausladen. Nicht gerade toll, aber geht schon. Bisher ist noch jede Show über die Bühne... Als sich der Vorhang dann um Viertel vor Zehn hebt, blicken ZAMARRO wieder nur in 50 Gesichter. Aber das berührt nach dem bisher Erlebten allem Anschein nach keinen der drei, denn in den kommenden 40 Minuten überzeugen sie so ziemlich alle Anwesenden mit einem mitreißenden Auftritt. Sie hatten sich im Hinblick auf die anstehende Tour mit einigen Shows warm gespielt und das zahlt sich jetzt aus, denn die Lockerheit ist da und der Zug rollt, macht kaum Station. Obwohl sich niemand im Publikum bewegt – schließlich sind wir in Hamburg – spürt die Band die positive Stimmung und das reicht, damit ZAMARRO zu Hochform aufzulaufen. Lauter Applaus für die Songs vom Album „Lust in Translation“ und sogar eine Zugabe (während der gesamten Tour der Vinyl-Bonustrack „She’s Rock’n’Roll“ und der Alltime Favourite „Princess“ von der „1st Race“-EP) zeugen vom Respekt, der den kaum bekannten Schweizern entgegengebracht wird. Mit den ersten Tönen von „C’mon and bludgeon me“ wird aber offensichtlich, auf wen die Zuschauer mehrheitlich gewartet haben. Sofort ist die Energie da und es funkt zwischen Bühne und den ersten Reihen. Die nordische Reserviertheit lockert sich und geht schnell in einen beinahe als Tanzen zu bezeichnenden Zustand über!
Das Niveau hat sich bei ADAM WEST gesteigert seit dem letzten Jahr, das wird schon jetzt bei der zweiten Show klar. Das Set besteht zum Grossteil aus Liedern von den Platten „Right On“ und „God’s Gift To Women“, gespickt mit einigen Singletracks, ist aber besser ausgesucht und treibt die Fans beinahe gradlinig in eine Richtung. Höchstens ein oder zwei Songs fahren nicht ganz oben ein. Dazu das beste Line-Up aller Zeiten und so will die Meute im Logo zwei Zugaben, die sie beinahe nur instrumental zu hören bekämen, denn Jakes Stimme macht heute früher Schluss, wie er später selber zugibt:„ Das passiert jedes Mal. Ich komme rüber, schreie mich durch zwei, drei Shows und die Stimme macht nen Abgang. Dann muss ich irgendwie den kommenden Abend meistern und von da an hab ich keine Probleme mehr, egal wie lange die Tour noch dauert“. Weil im Logo so früh Feierabend sein muss, nimmt der Promoter Lucky die ganze Sippe mit zur Reeperbahn. Schließlich ist Freitag und es gibt auch noch ein wichtiges Anliegen bei ZAMARRO. Während ADAM WEST nach Berlin fahren werden, müssen sie zurück in die Schweiz und kurzfristig wurde ihnen die Show in Bielefeld auf dem Weg dorthin abgesagt. Also hat Lucky die Idee, auf dem Kietz die Bars abzuklappern, um vielleicht einen spontanen Gig zu finden. Nach dem fünften Versuch und einer entsprechenden Anzahl Sportgetränken wird die Aktion dann aber ohne Erfolg beendet. Es folgt ein frühmorgendlicher Imbiss und dann verabschieden sich die Bands voneinander (außer Jake, der sprachlos ist und nur noch Winken kann!), denn man wird sich erst in dreizehn Tagen in der Schweiz wieder treffen, wenn ADAM WEST aus Frankreich und Spanien zurückkommen.


In der Schweiz: SCHAFFHAUSEN, AARAU, BERN und BASEL

In der Heimat von ZAMARRO wird es Musikern bei Konzerten wahrlich angenehm gemacht. Verpflegung und Unterkunft gehören mit zum Besten, die technischen Bedingungen sowieso und auch die Gagen sind durchschnittlich deutlich höher, als zum Beispiel in Deutschland. Kommt dazu, dass nur sehr bescheidene Strecken zwischen den Städten bewältigt werden müssen. Das sind alles Gründe dafür, dass gerade Amibands gerne dorthin reisen und auch die Mitglieder von ZAMARRO, die ja für helvetische Verhältnisse ungewöhnlich viel Erfahrung außerhalb ihres Landes gesammelt haben, schätzen die heimatlichen Zustände. Nach den vielen Kilometern und den teilweise misslichen Umständen im Südwesten Europas, freut sich die ADAM WEST-Belegschaft also gehörig auf ein paar Tage „Erholung“. Doch im Schaffhausener Tap Tab-Club bestimmen zunächst die Auswirkungen der vorabendlichen Visite in der Dresdener Groovestation den Ablauf. Weil man sie dort nämlich zuerst nicht geweckt und dann auch noch eingeschlossen hatte, sind sie bereits arg spät dran, als an der Schweizer Grenze auch noch der Mercedes auseinander genommen wird und als Folge sämtliche Merchandiseartikel verzollt werden müssen. Inzwischen hatten sich Marco („Jetzt erstmal ein Most“) und Merchandiser Luus von ZAMARRO natürlich längst im gemütlichen Backstageraum des TapTab mithilfe des Biervorrat eingepegelt. Soeben kommen sie vom Abendessen zurück, als ADAM WEST einfedern, völlig erledigt von sämtlichen Strapazen der letzten 13 Tage. Weil die Türen bereits geöffnet sind, gibt es keinen Soundcheck mehr und während die Spätankömmlinge noch essen, beginnen ZAMARRO bereits die Vorstellung. Ausgerechnet im sehr gut besuchten TapTab erwischen die drei einen eher schlechten Tag, denn der Ball kommt nur gelegentlich gut ins Rollen, weil Markus mit den Kabeln seiner Gitarreneffekte mehr zu tun hat als mit dem Set und auch Michaels Drumkit sich ständig verschiebt. Das wohlwollende, bestens gelaunte Publikum verzeiht ihnen aber so ziemlich alles, jedoch der Verkauf beim Merchandise ist dennoch an diesem Abend ziemlich schlecht Was immerhin Luus gelegen kommt, der inzwischen soviel THC intus hat, dass er nur aufgrund seiner extrem hohen Sättigungsgrenze noch am Atmen ist. Seine Vorräte erfreuen besonders auch Jim, der in jedem Club der Tour als erstes fragt: „Hey, glaubst Du, dass wir hier heute was zu Rauchen bekommen?“.

Also geht die heutige Runde ganz klar an ADAM WEST, denn die stehen voll im Tour-Saft und rocken den Saal dermaßen, dass vor der Bühne im wahrsten Sinne der Punk abgeht. Natürlich animiert das die Band zu absolutem Einsatz und es ist eine Freude, der Wechselwirkung zuzuschauen. Manch ein Besucher bekommt heute Abend blaue Flecken ab, aber glücklicherweise nicht mehr als das, denn hier und da geht auch Glas zu Bruch. Erst nach der dritten Zugabe werden Jake und Co. widerwillig ziehen gelassen. Weil die Stimmung so großartig ist, wird auch die Aftershowparty höheren Ansprüchen gerecht und einzig der Umstand, dass sich DanO
(„Too old for this shit“) und Jim für das gleiche Girl begeistern, sorgt für kurze Irritation. Aufgrund eines Logistikproblems erhält schließlich keiner von beiden einen Scorepunkt gutgeschrieben. ZAMARRO lassen daraufhin den Abend in einem Bauernhaus nahe einer Grube ausklingen und fallen hin und wieder vom Sofa, was jetzt vielleicht etwas irritiert, aber außer für die Beteiligten auch niemandem eine Erinnerung wert sein muss. Müde liegen Jake und DanO am darauf folgenden Abend im Backstagebereich auf den Sofas herum. Es gilt auf einer viereinhalbwöchigen Tour die Kräfte einzuteilen, schließlich ist man nicht mehr zwanzig (und auch nicht mehr 30!). Wobei die vielen Kilometer der ersten zwei Wochen im Arsch fast mehr ins Gewicht fallen, als sonstige Exzesse. Womit wir mal eines der Rock’n’Roll-Klischees erläutern können: Es ist nämlich bei weitem nicht jede Rockband ein Haufen Alkoholiker und bei der anwesenden Travelparty von 9 bis 10 Mann (ZAMARRO nehmen nicht immer einen Merchandiser mit) ist gut ein Drittel eher zurückhaltend. Und damit das andere Thema auch gleich abgehandelt ist: Das berühmte Slogan „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“ müsste eigentlich heutzutage andersherum aufgezählt werden, weil im Grossteil des Rock’n’Roll vielleicht einigermaßen Drogen, aber sehr wenig Sex vorkommt. Man könnte sogar sagen, dass sich die Jungs hier alle für die läppischen zwei, drei Vorkommnisse schämen sollten. Und zwar weil es eben nur zwei, drei waren!
Im Aarauer Kiff finden sich leider nicht ganz so viele Fans ein wie im Jahr zuvor, als fast 300 die beiden Bands sehen wollten. Die meisten von Ihnen kommen hier wegen ZAMARRO, denn Markus und Michael spielten vor einigen Jahren in bekannten Bands aus dieser Gegend. Und so haben die natürlich einiges an Gästebetreuung zu erledigen, während sich Jim, Steve und Mr. Connery nach dem Essen in einem nahe gelegenen Wald etwas frische Luft verschaffen. Zu Reden Anlass gibt die Show der nächsten Woche in Freiburg, wo der Veranstalter immer noch keine Konzession für das Konzert hat. Die Agentur wird so kurzfristig keinen Ersatz buchen können und das ärgert alle ziemlich. Auch weil die ganzen Kosten bei ADAM WEST am ehesten mit 30 Shows in 30 Tagen gedeckt werden können und am Ende für die Musiker weniger hängen bleibt. Schließlich mussten sich alle für diesen Monat frei nehmen und auf Rosen ist ja niemand gebettet. Während Jim gerade arbeitslos ist, arbeitet Jake in einer Bibliothek, Steve als Mechaniker und DanO macht in seinem Haus Aufnahmen für andere Bands - und auch das kommende ADAM WEST Album soll bei ihm entstehen. ZAMARRO haben es bezüglich der Finanzen einerseits schwerer, andererseits leichter. Obwohl sie teilweise zu lächerlich niedrigen Gagen diese Supportslots ausfüllen, kommen sie beinahe ohne Verlust durch, weil sie von zwei Stiftungen unterstützt werden. Jedoch lastet ein fünfstelliger Schuldenberg auf der Band. Seit es ZAMARRO gibt, existieren auch Schulden und es heißt sicher noch lange, sowohl sich selber, als auch die Band von ihren Jobs als Lehrer, im Büro und als Tontechniker zu ernähren.

Am nächsten Tag ist Halloween und die Amerikaner amüsieren sich über ein paar versprengte Berner Kinder, die in der Gegend um den Club herum doch tatsächlich mit Kostümen an den Haustüren klingeln und Verse aufsagen. Der Imperialismus hat eben doch auch die Insel Schweiz erreicht. Ansonsten ein eher ruhiger Anlass in der Hauptstadt. Sonntage sind schwierig für Konzerte und im großen Wasserwerk spiegelt sich der schwache Besuch vor allem in einem ungewohnt bescheidenen Sound wieder. Die etwa vierzig Anwesenden haben trotzdem ihren Spaß und trinken dafür umso mehr. Außerdem kann eine Theorie bestätigt werden, welche besagt, dass die schönsten Frauen an einem Konzert immer die der Promoter sind... Nach der Show werden ne Menge Fotos gemacht. DanO und Jake erzählen schaurig-lustige Anekdoten über ihren Abend in Paris vor einigen Tagen, wo sie anfangs kaum den Veranstaltungsort (ein Boot!) fanden, anschließend nichts zu Essen bekamen und nach einer Show ohne Besucher auch noch selber ein Hotel suchen mussten, in dem DanO zu guter Letzt einen geplatzten Bananenshake in seinem Gepäck hatte.
Als nichts mehr los ist im Wasserwerk, fahren ZAMARRO zur morgigen Tourstation und ZAMARRO-Homebase Basel vor. Während sich ein verwahrloster Haufen Amerikaner, gefolgt von einigen Schwerbetrunkenen, auf der Suche nach einer Halloweenparty in einen anderen Club verschiebt, in dem neben weiteren Enttäuschungen das weibliche Geschlecht betreffend aber nichts zu holen ist.

Der Tag in Basel umfasst sowohl wichtige Einkäufe - Jim und Michael müssen Schlagzeugfelle kaufen gehen – wie auch eine Visite der Altstadt und der gerade stattfindenden Herbstmesse, was der Laune sehr zuträglich ist, hat man für gewöhnlich „on the road“ doch nicht viel mehr als Autobahnrasthöfe und den Boden der abendlichen Gastspielstätte unter den Stiefeln. Wie erwähnt, der Vorteil kurzer Distanzen! Die Kulturbanausen aus den USA können nicht glauben, dass sie Häuser aus dem 15ten Jahrhundert und Kirchen aus dem 12ten Jahrhundert gegenüberstehen und ehrfürchtig legen sie die Hände auf die Mauern, als ob sie es dann eher begreifen könnten. Im Hirscheneck, dem traditionsreichen Basler Punkkeller, fühlen sich ADAM WEST immer wie Zuhause, kommen sie doch schon seit Jahren hier vorbei. Für ZAMARRO`s Michael („Jetzt aber mal ansagen!“) war es übrigens in der Tat jahrelang so was wie sein Zuhause, als er dort als Koch und Veranstalter tätig war. So ist es nicht sehr verwunderlich, dass trotz des ungünstigen Montags der Keller gut gefüllt ist und eine wirklich nette Sause ihren Gang nimmt. ZAMARRO, so scheint es, werden immer souveräner in ihrem Auftreten. Es wird nicht mehr lange gequatscht zwischen den Songs und das Set gewinnt deshalb, und natürlich auch durch die gesteigerte musikalische Sicherheit, enorm an Kompaktheit. Zwar müssen sie in ihrer Heimatstadt nicht gegen den Nimbus einer unbekannten Band antreten, doch tut es einer Stadt, die eher dem Britpop und dem Hip Hop zugetan ist, sehr gut, ihre rockenden Söhne in guter Form zu wissen, denn außer den LOMBEGO SURFERS verbreitet niemand den Ruf Basels so international wie ZAMARRO. ADAM W. haben zwar einen harten Kern hier und wissen den zu überzeugen, doch sind heute mehr Fans der Vorgruppe hier. Es scheint, als ob sie im Hirscheneck schon erfolgreichere Abende hatten. Gerade als sie den Zugabenblock beginnen, treffen THE MASONS aus Los Angeles im Hirscheneck ein. Sie beginnen morgen ihre Europatour und sind langjährige Freunde von ZAMARRO. Leider haben sie es aber nicht rechtzeitig hierher geschafft, um sie spielen zu sehen. Doch jetzt gibt es selbstverständlich ein zünftiges Wiedersehen und es ist sehr amüsant zu beobachten, wie anfänglich der Argwohn zwischen den Ost- und den Westkü(n)stlern das Kennenlernen bestimmt, bis schließlich am frühen Morgen alle vereint die Gläser heben.

In den großen Städten: STUTTGART, MÜNCHEN, WIEN und LINZ

Hurra Hurra, die Single ist da! Was kaum mehr erwartet wurde, hat dann doch noch geklappt: NO BALLS RECORDS haben die Split vorgestern in Darmstadt ADAM WEST übergeben. Somit hat man sie immerhin noch für die letzten acht gemeinsamen Stationen auf den Merchandisetischen liegen, zum ersten Mal heute im Stuttgarter Universum. In Aachen und Darmstadt spielten ADAM WEST die letzten Shows ohne ZAMARRO, denn nachdem der gestrige Auftritt in Freiburg für beide Bands definitiv abgesagt worden war, hat sich inzwischen auch der Veranstalter in Bratislava zurückgezogen, wohin nur für AW ein Abstecher eingeplant gewesen war. Immerhin bekommen sie von dort die Gage trotzdem ausbezahlt. Ein weiteres heißes Eisen ist auch der entsetzliche Wahlausgang in ihrer Heimat und vor allem Steve ist richtig schwer betroffen. Er hatte im Vorfeld die Absicht geäußert, die USA zu verlassen, falls Bush wieder gewählt würde und schüttelt immer nur den Kopf, wenn das Thema aufkommt. Wie oft „Fuck George Bush“ ab jetzt zu hören ist, kann bald niemand mehr mitzählen und ein besonderes Ritual stellt ab nun die Aufforderung der Band zu „Fuck George Bush“-Sprechchören vor den Zugaben, ohne die sie partout nicht mehr erscheinen wollen. Markus hat indes die kurze Pause dazu genutzt, sich eine fette Erkältung zu holen und er fürchtet bereits, mit der Stimme Probleme zu bekommen, doch zeigt sich die Furcht unbegründet. Zumindest heute Abend läuft alles rund und er singt sich enorm cool durch das Set, das bei den Stuttgartern auch sehr gut ankommt. Außer bei dem Idioten, der es tatsächlich fertig bringt, während „Breakdown“ die Gitarreneffekte auszustöpseln, weil er partout nicht warten will, bis der Hauptact dran ist, worauf er (nur) die gelbe Karte gezeigt bekommt. Fuck him!
Die Darbietung dieses Hauptacts gerät dann zu einem regelrechten Abräumer. Es kickt gewaltig und wären nicht die immer wieder aussetzenden Monitore, die Jake das Leben schwer machen, man könnte von einer perfekten Show sprechen. Aber er geht äußerst professionell mit der unangenehmen Situation um und rettet so den Glanz des Auftritts. Die Bezeichnung Frontmann passt wirklich bei Jake, der mit seiner Postur, seinem Gehabe und vor allem seinen ewiggleichen, anzüglichen Textinhalten für die einen ein chauvinistisches Arschloch und für die anderen einen exzellenten Showman darstellt. Wenn man ihn auf seinen zwiespältigen Ruf anspricht, zuckt er nur mit den Schultern und erklärt sich lapidar: „Ich sehe mich nicht als Künstler oder Musiker und auch nicht als Sänger. Ich bin einfach irgendein Kerl, der einem mehrheitlich männlichen, betrunkenen Publikum Obszönitäten entgegen schreit.“ Und falls sich jemand fragt, wie er es schafft, sich jeden verdammten Abend mit dieser Hingabe in die Show zu schmeißen, hat er dafür auch eine passende Erklärung: „Ich glaube tatsächlich, dass der Rock’n’Roll den Sinn des Lebens darstellt. Er überbrückt Sprachen, Rassen, Nationalitäten und Glaubensunterschiede. Er sorgt dafür, dass wir uns als Brüder und Schwestern fühlen und wenn mich das nicht zum Schreien bringt, was dann...?!“ Jake („Try to be nice“) hat sich also entschieden, sein Image nach 20 Jahren als Starr nicht mehr zu ändern, sondern damit zu kokettieren. Aber natürlich spricht so kein Arschloch und überhaupt fällt es auf, wie bescheiden, völlig natürlich und dankbar alle Mitglieder beider Bands jederzeit sind, wenn sie nicht gerade auf der Bühne die Rocksäue raushängen. Außerdem führt ein übereinstimmender Umgang und so etwas wie ein gemeinsames Maß an Intelligenz, Verständnis und vor allem Humor dazu, dass für ADAM WEST und ZAMARRO, inklusive aller Tourbegleiter, in dieser Zeit eine Stimmung entsteht, die weit über den üblichen Respekt unter Bands hinausgeht. Stellvertretend dazu Neuling Jim: „Ich bin echt beeindruckt von der Tiefe der Freundschaft, die wir hier alle in so kurzer Zeit erreichen, einfach alles ‚quality dudes’ “ Das gleiche Loblied stimmt dann auch gleich sein Schlagzeugpendent Michael mit 20jähriger Szeneerfahrung an: “Echt unglaublich, was das für feine Kerle sind. So was triffst du selten“ Um das zu untermauern wird in Stuttgart Partyalarm gegeben und als die Besen durch den Konzertraum des Universums fegen, disloziert die Gesellschaft (außer dem kränklichen Markus, Jim, der zuletzt in weiblicher Begleitung gesehen worden war, sowie Steve, der an eine Bikerparty der Outlaws eingeladen wird) in den Hi Club, wo vor allem Marco zu Höchstform aufläuft und den ganzen Laden unterhält, wie er sich zwei Stunden lang zu Neuer Deutscher Welle um die Tanzstange auf der kleinen Bühne windet. Als auch dort gegen halb fünf die Lichter angehen, verabschieden sich die Mitglieder des ADAM WEST-Trosses. Und hätten das die unersättlichen ZAMARRO-Überbleibsel auch getan, wäre ihnen glatt die Morgendämmerung in der Oblomow Bar entgangen!

So ziemlich jeder ist froh, dass die Strecke ins Münchener Backstage nicht allzu lange ist, weshalb zumindest bis zum Mittag liegen geblieben wird bevor sich die beiden Leichenwagen auf den Weg machen. Es ist eher kühl und regnet auch und es gibt inzwischen mehrere Erkältungsfälle. Solche zusätzlichen Strapazen sind in den häufigen Momenten des Wartens, oder im Bus, immer besonders mühsam, weil es nicht immer einen supergemütlichen, warmen Rückzugspunkt gibt und man so oft viele Tage durchseucht. Überhaupt ist das ein eigenartiger Rhythmus, dem man auf so einer Konzertreise ausgesetzt ist. Denn entweder man sitzt nur rum und wartet (auf den Soundcheck oder den Auftritt, aufs Essen, auf die Abfahrt, auf die Kohle) oder man stresst sich kurzzeitig total einen ab, um danach gleich wieder mit dem Warten zu beginnen! Das Backstage ist natürlich ein superamtlicher Laden, jedoch gibt es für den kleinen Saal nur einen Container als Garderobe. Der ist zwar geheizt, jedoch nur mit Holztischen und –bänken bestückt, also hängen alle an der Bar oder am Merch-Tisch rum und quatschen oder stehen sich die Beine in den Bauch. Draußen vor der großen Halle ist der Teufel los, denn die todtraurigen Figuren von den LOST PROPHETS spielen dort auf (und die haben logischerweise auch die amtliche Garderobe gepachtet, so’n Mist!)und tatsächlich geben dank Viva und MTV 1000 junge Menschen ihr Geld dafür aus. Ihr Pech, denn im hiesigen, kleineren Rahmen sollte so ziemlich alles geboten werden, was von einem kompletten Rockabend erwartet werden kann: 1A-Stimmung und zwei Formationen auf der absoluten Höhe ihrer Aufgabe. ZAMARRO, die hier nun wirklich gar niemand kennt, räumen frenetischen Jubel ab und später werden ihnen von anderen anwesenden Veranstaltern gleich zwei Konzerte angeboten. Zu Recht, denn obwohl Markus immer noch krank ist, merkt niemand auch nur das Geringste von seiner angeschlagenen Physis. Marco stellt mal wieder unter Beweis, dass er nach einer durchzechten Nacht die besten Shows spielt („Na klar Mann, das ist Rock’n’Roll, jetzt komm ich erst in die richtige Stimmung!“) und Michael peitscht die ganze Kiste fehlerlos und mit mächtig Schub voran. Selbstverständlich wird vom Publikum Nachschlag gefordert. In der Pause kann man herrlich vom Balkon herab die außergewöhnlich heterogene Mischung der Leute beobachten: Da sieht man vom Normalo über den Biker und den Punk, bis zu grell aufgetakelten Vamps mit mächtigem...äh...Ausschnitt (Balkon, Ihr versteht?!) einfach alles und das Beste ist: Alle amüsieren sich gleichermaßen. ADAM WEST nehmen die entfachte Stimmung dankbar auf, verwandeln den Laden schließlich innert Kürze in ein Tollhaus und bringen es irgendwie fertig, die Stuttgarter Show vom Vortag zu übertreffen! Der aufgedrehte Jim steht nach jedem Abschlag hinter seinem Schlagzeug und brüllt wie ein Gorilla die Meute an, DanO knallt sich in Extase die eigene (!) Gitarre an die Birne, worauf das erste Blut fließt und Jake unterhält mit Ansagen wie: „ Ok, the next song is about fucking“. Wobei natürlich so ziemlich ALLE Songs davon handeln! Mächtig Bewegung bis in die hinteren Reihen und schließlich „Fuck George Bush“ ohne Ende. Schließlich dürfen sie drei Zugaben spielen, wobei das für Steve je länger je mehr ein Müssen wird. Vor dem letzten Block torkelt er wie ein angezählter Boxer. Grund für die ungewohnte Konditionsschwäche ist seine Visite bei den Outlaws in der letzten Nacht. Zwar weiß niemand, was dort wirklich alles geschehen ist, aber geschlafen hat Steve seit 36 Stunden nicht mehr! Leider läuft der Verkauf von Shirts, CDs etc heute entgegen den Reaktionen zuvor superzäh, es wird kaum was umgesetzt. Nicht zum ersten Mal kann man jedoch feststellen, dass es diesbezüglich nicht unbedingt Gesetzmäßigkeiten gibt.
Erstaunlich übrigens, dass ZAMARRO insgesamt fast so gut verkaufen wie ADAM WEST auf dieser Tour und ein eindeutiges Qualitätssiegel für die Schweizer. Obwohl man anfügen muss, dass die Amis viel zu kleine Mengen mitführen. Gewisse Platten und Singles sind bereits jetzt knapp oder gar ausverkauft. Was außerdem auffällt, ist die große Nachfrage nach Vinyl bei beiden Bands. Irgendwann fließt dann noch das zweite Blut dieser Nacht, als ein versuchter Jackenklau die Fäuste fliegen lässt. Leider sind die Beteiligten beides Bekannte der Bands, allen ist das natürlich furchtbar unangenehm und als Fazit gehen wir heute etwas früher in die Federn!

Dass es sich lohnt, die Kräfte etwas einzuteilen, erfahren dann gewisse Teilnehmer der Reise in Österreich, wo aus irgendeinem Grund die heftigsten Parties gefeiert werden sollten. Während es vom Konzert in der Wiener Arena nicht viel zu berichten gibt, außer dass die spärliche Kulisse einen kompakteren Sound im Saal verunmöglicht und DanO und Jake ihre Ansagen dazu nutzen, die animalischen Geräusche von Markus’ Einsingübungen zu imitieren, ist der Ausklang in der ebenfalls zur Arena gehörenden Kneipe dann schon wieder ziemlich heiter und zwischen Michael, Marco, DanO und Jim wird an der Freundschaft gefeilt, während sich Steve irgendwann in Begleitung zurückzieht und unter nicht näher geklärten Umständen zum zweiten Mal innert dreier Tage ohne Schlaf auskommen muss... Obwohl so um drei oder vier Uhr in der Früh noch Sandwiches verdrückt worden waren, geht es am nächsten Morgen gleich mal mit 10 Mann per U-Bahn in die Stadt hinein und in den Wienerwald, weil es für einige ein obligates Anliegen ist, hier ein Schnitzel zu Essen. Naja. Viel mehr Zeit ist leider nicht, weil erstens der Kellner etwas schwerfällig rüberkommt und zweitens die Powermaschine Jim („I gotta eat, man!“) einfach immer und überall so viel iss, dass es halt seine Zeit dauert. True that! Also ab in die U-Bahn, denn Jake, der wie Marco ein eingeschworener Sammler ist, sucht einen Plattenladen. Der taugt dann zwar nichts, aber unterwegs kann sich Mr. Connery wenigstens mit Militärhosen eindecken, denn was anderes trägt der Mann ja nicht. Phil, Sänger der befreundeten Linzer DEALER, erwartet die Bands bereits in der KAPU und nimmt sich als Co-Veranstalter den Rest des Tages fürsorglich ihrer an. Will heißen, er betreut die Technik, bekocht die Gesellschaft, schafft zusätzliche Matratzen ran, rennt hin und her und gibt vor allem den Unterhalter an der Bar, nachdem sowohl ZAMARRO als auch ADAM WEST gut abgeräumt haben (nein, nicht das Geschirr!) und dafür gesorgt haben, dass die vorhandenen Exemplare der Split-7“ bereits so gut wie weg sind! Lustig, dass in dieser angrenzenden Bar nur sämtliche Mitglieder von ADAM WEST und kein einziges von ZAMARRO zu sichten ist, weil die sich tatsächlich bereits hingelegt haben. Eigentlich sind sie im Schnitt ein gutes Stück jünger. Aber natürlich haben sie auch keinen externen Fahrer und so fährt Michael die meisten Kilometer. Marco hat die letzten Nächte immer mächtig hingelangt und Markus zieht die Schonung seiner Gesundheit vor. Trotzdem halten die anderen die Fahne prächtig in den Wind und während DanO sich philosophischen Erwägungen hingibt, bastelt Jim aus einer Red Bull-Dose einen Inhalationsapparat, Steve flirtet schon wieder mächtig in einer Ecke und Jake hat in Phil einen Bruder gefunden, mit dem er noch ein zwei Sets dranhängt und zu sämtlichen Vorschlägen von DJ Pezzy um die Wette grölt. Die Reihe kleiner leerer Gläser vor ihnen passt bestens ins Bild...

Der nächste Tag ist nach der Absage von Bratislava ein Offday, aber niemand ist unglücklich, die Strapazen einer Exkursion dorthin umgehen zu können und stattdessen nach einem gemütlichen Frühstück in Richtung Schweiz zu fahren, wo übermorgen in Winterthur gespielt werden wird. Weil jetzt eine Nacht Unterkunft fehlt, organisiert Michael der ADAM WEST-Reisegruppe Betten im Basler Hirscheneck und so fahren alle in dichtem Schneetreiben dorthin. Acht Stunden dauert die Fahrt, das ist eher nicht so sexy, aber ZAMARRO kommt das längst nicht mehr so schlimm vor. Der neue Bandbus macht nämlich einen wirklich überzeugenden Eindruck und ist geradezu eine Offenbahrung im Vergleich zu der Mühle, die sie zuvor ZAMARROMOBIL nannten. Sichtlich zufrieden entsteigen sie an den Tankstellen ihrem Untersatz, während die Gesichter ihrer Partner beim Aussteigen meist etwas zerknirscht wirken. Leider hat der Agenturbus nur die besseren Laufleistungen und ein GPS zu bieten. In Sachen Komfort allerdings nichts, weil zwei Drittel des Stauraums für die Backline eingerechnet wurden und somit entsprechend weniger Platz im Fahrgastraum zur Verfügung steht, der außerdem eine unbequeme Sitzbank hat. Es ist schon reichlich spät, als Basel erreicht wird und für die meisten ist Wäschewaschen ein dringendes Anliegen. Das können die einen im Hirscheneck erledigen, die andern machen das natürlich zuhause. Großartige Action gibt es eigentlich keine mehr, die Schafe werden heute wiedermal gezählt. Sonst sind Rockbands ja sooo cool, dass die Schafe sie zählen!

Die finale Harke: WINTERTHUR, DORNBIRN, CHEMNITZ und OSNABRÜCK

Im Winterthurer Gaswerk sind alle Beteiligten schon mehr als einmal vorbeigekommen, die Atmosphäre ist vertraut und nett, man freut sich über das gute Essen, blödelt mit den Erbsen und Karotten herum. Hinterher wird der Internetterminal vor allem von den Amis stark belagert, Fotos der ersten Tourhälfte werden bestaunt und belacht. Die vermeintliche Tourroutine wird mit dem ersten Bassdrumschlag von Michael dann jäh unterbrochen, denn das Fell seiner Pauke reißt und erstickt „...“ im Keim sozusagen. Das Publikum nimmts mit Humor und notdürftig wird das Schlagfell getaped, bevor ZAMARRO noch mal loslegen. Leider bleibt das nicht die einzige Panne, denn irgendwie hat Markus Pech mit seinen Kabeln und die Gitarre verstummt ab und zu für einen Moment aus unerfindlichen Gründen. Den Leuten ist jedoch auch das egal und sie genießen die Darbietung in vollen Zügen.
Etwas weniger Volk erstaunlicherweise dann vor der Bühne, als ADAM WEST ihren Auftritt beginnen, doch die Stimmung bleibt prächtig und so kommt es auch hier zu drei Zugaben. Weil Frühstück im Internat (!), in dem genächtigt wird, nur bis acht serviert wird, verdient die Gastronomie im kleinen Städtchen Winterthur heute um die Mittagszeit überdurchschnittlich. Bis zur Abfahrt nach Dornbirn, gleich hinter der Schweizerisch-Österreichischen Grenze, hängt man dann noch etwas rum, die Stimmung ist irgendwie mittelprächtig. DanO ist jetzt auch ziemlich stark erkältet, das Wetter ist grau und drei Tage vor dem Tourende fühlt sich einfach keiner mehr zum Bäume ausreißen. Michael kauft noch ein neues Kickdrumfell, ziemlich lustlos wird in schlechten Plattenläden die Zeit rumgebracht, bis der ADAM WEST-Bus aus der Werkstatt abgeholt werden kann. Nach zwei Tagen mit roter Warnlampe im Armaturenbrett mussten jetzt dringend die Bremsbeläge getauscht werden. Dornbirn ist mit Abstand die kleinste Ortschaft, in der die „HI-BALLS“-Tour vorbeikommt. Lobenswert, dass hier mit dem Café Schlachthaus - und auch im Nachbardorf Lustenau mit der Culture Factory – die sicherlich kleine Szene trotzdem regelmäßig coole Konzerte bekommt. Fragt sich nur, warum sie nicht hingeht, oder, ob sie tatsächlich derart klein ist, dass sich kaum 20 Leute einfinden und vor allem, warum sich die Anwesenden dann überhaupt nicht für das Konzert interessieren, sondern während beiden Bands an der Bartheke hängen und einfach gar keine Reaktion zeigen, nicht jubeln, nicht buhen, gar nichts! ZAMARRO gehen damit auf die eine Art um und überspielen die Situation, indem sie tun, als ob der Saal voll wäre, ADAM WEST danach auf die andere, indem sie sich mehr lustig machen darüber und im Fall von DanO auf der Bühne schlafen legen. Der Verantwortliche des Schlachthauses macht gute Miene zum bösen Spiel und serviert zwischen den Songs Drinks auf der Bühne, verhindert damit aber auch nicht, dass alle ADAM WEST`s sich ganz schnell ins Hotel verziehen, außer Jim, der auch hier die Hoffnung auf Rauchwaren nicht so schnell aufgeben will: „Ich will zuhause einfach lieber erzählen, dass ich überall ne Menge Spaß hatte und mit meinen Freunden von ZAMARRO die Zeit verbracht habe“, meint der Unverwüstliche. Und beides wird er dann auch noch reichlich bekommen. Als nämlich der ZAMARRO-Bus vors Hotel fährt, steht Steve („Make some fucking noise!“) im zweiten Stock auf dem Fensterbrett und ruft Unsinn in die Dornbirner Nacht, während Mr. Connery gerade dabei ist, Bier, Wein und Vodka .So gerät alsbald eine kleine, süße Zimmerparty mehr und mehr außer Kontrolle. Alle Details gehören nicht an die Öffentlichkeit, aber es sei verraten, dass weder die Pflanzen, noch die Bilder, noch die Glastüren des Stockwerks an ihrem Platz blieben, die einzige Frau der Nacht schlussendlich doch keine Kleider mehr anhatte und dass sogar beim Frühstück noch Scherben produziert wurden. Und dass Haftpflichtversicherungen gelegentlich ein Segen sind. Was allerdings gewisse Hotelgäste nach so einer Nacht für geradezu wahnwitzige Phantasien gegenüber der Gendarmerie entwickeln können, das geht auf keine Rockerhaut!

Das Erlebnis AJZ Chemnitz ist dann leider wieder trist wie das Wetter. Zwar sind Unterkunft und Betreuung vorbildlich, jedoch gleicht das Bild während des Konzerts mehr dem einer öffentlichen Probe. Seltsam, denn auf diesem Abenteuerspielplatz müssten an einem Freitag doch mehr als 40-50 Gäste rumschwirren!? Die Shows sind zwar hervorragend, aber Stimmung wie in Stuttgart oder München kommt nicht mal ansatzweise auf. Besonders viel Spaß haben die Bands an diesem Abend mit der Einflechtung gewisser Textpassagen, die jeweils andere Band betreffend. So haben es sich ZAMARRO inzwischen angewöhnt, im Lied „...“ anstatt „...“, den Titel der neuen Platte von ADAM WEST „...“ zu skandieren (oder die Variante „My balls are swollen“), während Jake wiederum in „...“ anstatt „I’ve got tomorrow..“ lieber „I’ve got Zamarro...“ singt. Und Markus, eindeutig von seiner Erkältung erholt, verpasst während des ADAM WEST Auftritts allen auf der Bühne ihre eigenen, völlig bescheuerten Baseballkappen, was sie doch tatsächlich optisch stark abwertet.
Nachdem der Radiojournalist gegangen war, der um die heitersten Momente des Abends bestellt war, indem er ZAMARRO`s Bandnamen mindestens in drei verschiedenen Varianten verdreht hatte und immer wieder von vorne anfangen musste, kehrt etwas Langeweile im Backstagebereich ein. Die Veranstalter haben sich ebenfalls bereits verabschiedet und keiner will so recht wahrhaben, dass der zweitletzte Abend so unspektakulär und früh zu Ende gehen soll. Also liegen die Hoffnungen nun auf der Abschiedsshow in Osnabrück.
Und noch mal eine lange Fahrt. Für Teile von ZAMARRO beginnt der Tag schon um acht, weil der Bus notfallmäßig ebenfalls Bremsbeläge nötig hat. Gestern waren Geräusche aufgetaucht und bei genauerer Untersuchung ergab sich die gleiche Diagnose wie bei dem Geschütz von ADAM WEST wenige Tage zuvor! Eigenartig aber wahr. Mit viel Hilfe von den AJZ-Jungs kann sich ein Störmechaniker so früh an einem Samstagmorgen der Sache annehmen. Dadurch fahren ZAMARRO erst sehr spät los, vor allem, weil noch ein Treffen mit ihrer Plattenfirma Supermodern auf dem Zettel steht. Die wollten eigentlich - wie das ADAM WEST-Label People like you - zum heutigen Konzert erscheinen, aber wie das so ist: Terminkollision! Also wird ein Autohof zum Treffpunkt für eine Schnellbesprechung und weiter geht’s Richtung Osnabrück. Der Ostbunker ist...ein Bunker, aha, wer hätte das gedacht! Dementsprechend sind die Räumlichkeiten ziemlich klein und es ist alles mehr übereinander angeordnet. So auch die Bühne und der Zuschauerraum. Hehehe, nein, natürlich nicht, aber es ist verdammt eng hier und als ZAMARRO, die heute dran sind mit Soundcheck – irgendwann ist man dazu übergegangen, nur noch mit einer Band zu Checken – ist es reichlich zu laut für diese Mini-Betonwelt. Hoffentlich kommen hier ein paar Leute. Aber natürlich, wie könnte es anders sein, spielen heute in Osnabrück SICK OF IT ALL, 7 SECONDS etc. und außerdem gibt es auch ein Konzert der MAD CADDIES, sowie ein Nachwuchsfestival. Toll, nach den Erlebnissen der beiden letzten Tage wachsen nach dieser Neuigkeit die Hoffnungen natürlich nicht gerade in den Himmel. Der Schlafraum für beide Bands ist so winzig, dass exakt 9 Matratzen irgendwie angeordnet werden können und als die Söhne des Grossen Bruders, denen die Umgebung naturgemäß sowieso etwas unheimlich erscheint, in einem angrenzenden Raum duschähnliche Leitungen aus den Wänden ragen sehen, haben sie endgültig die Gewissheit an DEM Tatort des Genozids zu sein.
Heute gibt es zur Feier des Tages noch mal eine dritte Band und erfreulicherweise haben die netten Jungs von den GLUE SNIFFIN TROTZKYS eine paar Freunde mitgebracht. Die Sorgen von Anfang an nämlich für eine prima Atmosphäre und der Abend nimmt gut Fahrt auf. Wirklich geradezu genial ist dann der weitere Verlauf des Abends: Der Ostbunker ist prima gefüllt, mindestens 100 Leute sorgen dafür, dass ADAM WEST und ZAMARRO einen würdige Rahmen für die Abschlussshow haben, bejubeln beide Bands und die geben ihr letztes Hemd. Der Funken zündet die Motoren und noch einmal erleben wir, wie typisch amerikanisches Bühnenheldentum auf untypisch schweizerische Vollgasmentalität trifft. Die gegenseitigen Dankesbezeugungen kommen in einer fast besinnlichen Art rüber und lassen wohl auch die Zuschauer spüren, dass hier in den letzten Wochen jeder mit jedem zurechtkam und eine unglaublich nette Zeit verbracht hat. Und so begibt es sich, dass nach diesem erfolgreichen Abschluss noch auf die erste auf Ebay aufgetauchte Splitsingle angestoßen wird, sich alle erschöpft, aber zufrieden zurücklehnen und dann noch mal alle Reserven mobilisieren, um den Gedanken daran zu verdrängen, dass das Leben auf der Strasse erstmal wieder vorbei ist. Oder wie es DanO in Worte zu fassen beliebt: „Jetzt ist der Spaß ohne Schlaf, ohne richtiges Essen, dafür mit langen Autofahrten in kaltem Wetter und Auftritten in Schlachthäusern und alten Fabriken leider zu Ende!“ Steve, der als einziger bereits seit über 10 Jahren bei Bandgründer Jake ist und von dem übrigens 80% der Musik ADAM WESTS stammt, würde jedoch am liebsten immer auf Tour sein. Und er weiß, wovon er spricht (denn vor 19 Jahren, als 15jähriger, hat er seine erste absolviert), als er die aufkommende Melancholie in Worte fasst: „Auf Tour hast Du keine Sorgen. Alles ist organisiert, man kümmert sich um dich und man hat die Chance, netten Menschen zu begegnen.“ Beim Gedanken daran, dass er als Harley Mechaniker nebenbei oft noch für die PA-Company seines Bruders jobben muss, um über die Runden zu kommen, murmelt er in seinen Wikingerbart: „Zuhause wartet ein Chef und ne Menge Probleme.“ Und sein elender Gesichtsausdruck, inzwischen deutlich von den Eskapaden eines Monats gezeichnet, spricht Bände, als er gegen vier Uhr morgens traurig die letzte Bierflasche anvisiert. Neben der tollen Stimmung bleibt für beide Bands auch genug hängen, was den weiteren Verlauf ihrer Karrieren beeinflussen kann. So haben ZAMARRO die Vorschusslorbeeren aufgrund des vielgelobten Albums mehr als bestätigt. Kein einziger Veranstalter, der nicht willens zurückgelassen wurde, sie jederzeit und zu verbesserten Konditionen wieder zu buchen! Und dass während der Tour mehrere Agenturen ihre Dienste angeboten haben, ist wohl alles andere als alltäglich.
Was für sie darüber hinaus einen unschätzbaren Anschauungsunterricht darstellte - und was momentan vielleicht noch etwas den Unterschied ausmacht – ist die qualitative Kontinuität über mehrere Auftritte einer Band wie ADAM WEST, für die - und das haben langjährige Fans überall hervorgehoben - in der augenblicklichen Besetzung mehr denn je gilt: Man mag von den Gesten, Ansagen oder Texten eines Jake Starr halten was man will, aber ganz zuvorderst steht das Gesamtbild einer wahrlich eindrücklichen Formation, die hinsichtlich Spielfreude, Stilsicherheit und Power ihresgleichen sucht.

Sowohl ADAM WEST, wie auch ZAMARRO werden in den kommenden Monaten mit dem Schreiben und Aufnehmen neuen Materials beschäftigt sein. Während letztere auch im Februar und März noch mal auf Tour sein werden, ist der nächste Besuch von ADAM WEST für den Herbst geplant. Und es sollte einen beinahe wundern, wenn sie dann nicht wieder mit gewissen Schweizer Freunden zusammenspannen, denn wie meinte Jake abschließend: „They made the tour a million times better...“

Sven Gali
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ALLES AUF GRüN? (SLAM-ZINE #9)

Ursprünglich 1977 geformt, gehören THE SKULLS zu den den allerersten originalen Los Angeles Punkbands.

Ja, ja - das Leben ist kein Zuckerschlecken zwischen all den Eminems, Papa Roachs, Stoibers und Haiders!

Full Time Rock`n`Rolla

Die Kafkas sind seit 1995 auf der Mission...

Der IN FLAMES-Standard „Clayman“ sollte heutzutage in keiner Sammlung mehr fehlen.
Rock Classics
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