"Ashby House" ist sowohl das erste Buch von V. K. Ludewig als auch gleichzeitig seine erste Fingerübung auf dem Gebiet eines Mystery- und Gruselromans und bringt schon direkt zu Beginn eine wahre Flut an Ingredienzien mit, um aus "Ashby House" einen gelungenen Vertreter des klassischen Schauerromans zu machen. Der Leser bekommt direkt das Gefühl vermittelt, sich auf den kommenden Seiten auf eine wohlige Gänsehaut einstellen zu können. Die Sprache des Autors ist ansprechend, flüssig und es gelingt ihm problemlos schon zu Beginn, die Spannungsschraube anzuziehen. Doch trotz eines ganzen Füllhorns an passenden Zutaten will der Roman nicht auf ganzer Linie zünden.Lucille Shalott, eine gefeierte Society-Fotografin, begibt sich nach einem schweren Unfall, der sie an den Rollstuhl fesselt, gemeinsam mit ihrer Schwester Laura ins winterliche England. Lucille hat im ländlichen Cornwall ein Anwesen erworben, um sich dort vor der Öffentlichkeit und den neugierigen Blicken der Papparazzi zu verbergen. Bei ihrer Ankunft im südlichen England zeigt sich Ashby House von seiner wenig einladenden Seite. Das riesige Gebäude macht einen kalten, abweisenden, ja geradezu feindseligen Eindruck auf seine neuen Besitzer. Dazu kommen katastrophale Witterungsbedingungen, die das Haus von der Außenwelt abschneiden. Lediglich der neu engagierte Butler Steerpike leistet den beiden jungen Frauen Gesellschaft in den Mauern des düsteren Anwesens. Doch trotz der anfänglich wenig ansprechenden Gegebenheiten entpuppt sich Ashby House schnell als idealer Ort für Lucille, um die Arbeit an ihrem ersten Buch aufzunehmen.
Einige Tage vergehen ohne besondere Vorkommnisse, doch dann zeigt das Haus sein wahres Gesicht. Unheimliche Geräusche kommen aus dem versiegelten, zweiten Stock, Ächzen und Stöhnen dringt durch die Decke in die Ohren der neuen Bewohner. Man beschließt, dem merkwürdigen Treiben auf den Grund zu gehen, doch diese Entscheidung hat weitreichende Folgen, Ashby House setzt sich gegen seine Besitzer zur Wehr. Das plötzliche Verschwinden von Lucille Shalott ist nur der Auftakt einer ganzen Reihe übernatürlicher Phänomene. Laura, Lucilles Schwester, nimmt gemeinsam mit dem Butler Steerpike den Kampf auf und gemeinsam versuchen sie, das dunkle Geheimnis von Ashby House ans Tageslicht zu bringen.
Ohne Zweifel hat V. K. Ludewig bei der Ideenwahl für seinen ersten Roman Geschmack bewiesen und stellt von Beginn an die Weichen für einen gut durchdachten Gruselschmöker. Neben dem gutgewählten Handlungsort, einem düsteren Haus auf dem englischen Land, das ein frappierendes Eigenleben führt, sind es insbesondere die tiefgründigen, skurrilen Charaktere, die dieses Buch lesenswert machen. Die Figurenkonstellation gleichzeitig auch der Aufhänger für einen der Nebenschauplätze des Buchs. Die schwierige Beziehung der Shalott-Schwestern zueinander wird ausgiebig thematisiert und schafft einen Kontrast zu den übersinnlichen Elementen in Verbindung mit dem neuerworbenen Landsitz. Leider gelingt es nicht, die guten Ansätze der Geschichte konsequent zu Ende zu bringen.
Schnell bekommt der Leser die ersten Mosaiksteinchen zugeschanzt, was der Auslöser für den Spuk im Ashby House sein könnte, leider wird letztendlich keine wirkliche Auflösung geboten. Wenig angetan sein dürften auch jene Leser von diesem Buch sein, die einen reinen Gruselroman erwarte t haben. Neben den übersinnlichen Passagen lässt V. K. Ludewig auch eine wahre Detailfülle über Mode, Stars und Hollywood in sein Debüt einfließen, was sicherlich nicht jedermanns Sache sein dürfte.
Als störend dürfte der eine oder andere auch das ständige Namedropping von Markenartikeln empfinden, was anfänglich noch ganz nett ist, aber spätestens auf der Hälfte der Seiten zu nerven beginnt und sauer aufstößt. Gerade diese erwähnte Einstreuung von Themen, die nur bedingt oder gar nicht mit den Ereignissen in Ashby House in Verbindung stehen, sorgt für eine Verwässerung des Plots und einem deutlichen Abflauen der anfänglich erzeugten Spannung. Es gibt keinerlei Gründe, warum Erotik nicht auch in einem Gruselroman vorkommen sollte, wenn sie sich in die Handlung einfügt und stimmig ist. Wenn sie allerdings aufgepfropft und wie ein Fremdkörper in der Handlung wirkt, ist sie irritierend und ärgerlich. Beides trifft leider im Falle von "Ashby House" zu. Beide sehr offen gestaltete Textpassagen wirken wie nachträglich in die Geschichte eingestreute Handlungsblöcke, die keinerlei Relevanz für die weiteren Entwicklungen des Romans haben.
"Ashby House" bleibt bis zum Schluss eine zwiespältige Angelegenheit. Die guten Ideen des Autors und sein wirklich ansprechender Schreibstil allein sorgen schon dafür, dass dieser Roman weit davon entfernt ist, schlecht zu sein. Leider geht manches Mal die klare Linie des Plots verloren und man verzettelt sich auf Nebenschauplätzen. Sicherlich wäre es für den Spannungsfaktor dienlich gewesen, auf einige Details und Anekdoten zu verzichten. Horror- und Gruselpuristen sollten um dieses Buch einen großen Bogen machen, die Enttäuschung wäre vorprogrammiert. Jene Leser allerdings, die bereit sind, sich auf einen etwas anderen Schauerroman einzulassen, können "Ashby House" ruhig auf ihren Einkaufszettel vermerken.
# # # Justus Baier # # #
Publisher: DTV





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