Ein Lied ist ja wohl meistens etwas sehr persönliches. Da packt man alle dumpfen Ängste hinein, fitzelt das ganze Drama einer Beziehung dazu oder verliebt sich in Worte, die man singt, aber manchmal gar nicht so recht weiss, was sie bedeuten sollen. Jedenfalls ist es nicht leicht, zu versuchen, diese persönliche Welt eines anderen Künstlers zu interpretieren und in diesem Fall zeichnerisch umzusetzen. Wenn man sich "Bob Dylan: Revisited. 13 Songs in Bildern" durchblättert, erkennt man das Dilemma. Grundsätzlich schreien Bobs Songs ja immer laut und deutlich "Einsam". Die Illustratoren haben sich große Mühe gegeben, Dylans Einsamkeit umzusetzen. Jeder auf seine Weise, mit seiner Feder, seiner Interpretationsgabe.Wie zeichnen also 13 Illustratoren ein großes, gebrochenes Herz? Ganz einfach, meistens sehr rough, fast skizzenartig. Vielleicht muss man einen Bob Dylan einfach skizzieren, eine Detailausarbeitung wäre ihm wohl nicht gerecht. Die Farben sind alle sehr neutral, die Stimmung "vergangen" und leer. Es ist also nicht unbedingt angenehm, das Teil zu lesen, aber Dylans Songs sind das ja auch nicht unbedingt immer. Wenn das Leben immer leicht wäre, würden wir ihm ja nicht auch schon seit Jahrzehnten so aufmerksam zuhören. Jeder von uns trägt wohl diesen streunenden, permanent die Form verändernden Dylan in sich. Irgendwo.
Die wohl gelungenste Story (bzw. Song) ist "Not Dark Yet", in der Illustrator Zap (bekannt für eher frivole Bildbände) Bob im Verlauf seines Lebens zeigt, immer vor einer Wand, immer alleine, nie lächelnd. Die Umsetzung ist sehr verspielt, die Schrift kindlich, die Farben in Gegensatz zur Körpersprache der Figur sehr warm. Aber das Licht geht langsam aus, und Bob sieht in die Dunkelheit. Und den Verlauf dieses Tages, dieses Lebens, das zu Ende geht, kann man hier gut verfolgen.
Dann wäre da noch "Desolation Row", eine Interpretation die sich durch die extrem malerische Umsetzung hervortut. Dave McKean ("Signal To Noise") setzt Hoffnung und Verzweiflung gekonnt um, und mischt skizzenartige Zeichnungen mit ausgefertigter Ölmalerei. Eine dunkle Welt, in der das Kreuz noch getragen und die Hoffnung auf einem Zettel weitergeben wird, nur um dann vom Schöpfer selbst zerrissen zu werden. Denn schlussendlich ist es Bob egal, ob jemand zu ihm gehört, ob er glaubt oder nicht glaubt. Er erzählt eine Geschichte, und die Straße wird immer einsamer. Und er findet nichts, in niemandes Augen. Vielleicht erkennt einer einen anderen, der ihm gleicht, aber auch nur für einen Moment, und die Gitarre spielt weiter, die Menge tobt und ein Mann blickt darüber hinweg.
Musik zu interpretieren ist die Wanderung auf einem schmalen Grat, aber alles in allem haben die Illustratoren ihre Arbeit gut getan, die Stile sind auf den ersten Blick unterschiedlich, aber grundsätzlich auf demselben Farb- und Emotionsbouquet aufgebaut. Für sich alleine stehen können die Geschichten wohl nicht, aber zusammen ergeben sie ein gleich einsames Buch, das dem Leser keine Lebensfreude schenkt, aber zweifellos zum Nachdenken anregt. Ohne Kitsch und sonstige Dekorationsfloskeln. Keine Geschichte ist ausgeschmückt, alles bleibt sehr roh und wirkt schnell, ein kurzes Bildnis, ein kurzer Song in Bildern. Die fast schizophrene Eigenart Dylans, permanent zu entgleiten, sich zu verändern, festgehalten in einer Konzept-Graphic Novel. Das einzige Manko ist die deutsche Übersetzung, die der poetischen Sprache Dylans leider nicht gerecht wird und daher etwas plump wirkt. Wer sich das Buch kauft, kennt die Texte aber wohl, und wird sich nicht schwer tun, den jeweiligen Originalsong im Hinterkopf abspielen zu lassen um das Lese und Schau-Vergnügen nicht zu trüben. Warum also nicht kaufen? Der Geschichtenerzähler in Geschichten erzählt – aber beeilen, vielleicht war das Buch ja in Wahrheit nie da!
# # # Magdalena Ortlieb # # #





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