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Ex-Drummer

Drei körperlich behinderte Menschen wollen gemeinsam eine Punkband gründen, dazu fehlt nur noch der Drummer, doch der ist nicht benachteiligt, also muss sein Unvermögen das Schlagzeug zu bedienen als Handicap herhalten und schnell wird klar, dass damit der Teufel Einzug in die Dorfpunk-Szene hält und ein grausames Spiel aus Kontrolle, Perversion und finaler Katastrophe seinen Lauf nimmt...

Ostende ist (c) Eurovideo / ex_drummer_copy / Zum Vergrößern auf das Bild klickeneine kleine Stadt an der östlichen belgischen Küste, doch auch hier ist der Punk nicht tot zu kriegen. Als ein Bandwettbewerb ansteht, beginnt sich eine der skurillsten Bandformationen zu bilden, die der Welt jemals die Ehre gab auf ihr zu spielen: THE FEMINISTS. Da wären der Nazi Koen (Norman Baert), der als Sänger mit Sprachfehler auch gerne mal loszieht, um seine Befriedigung durch das blutig schlagen von Frauen zu erlangen, dazu kommt der schwule Bassist Jan (Gunter Lamoot), der an einem Arm lahmt und zuhause seinen Vater mehr misshandelt als pflegt und letztlich ist da noch Ivan der Choleriker (Sam Louwyck), der sich als tauber Gitarrist der Chaos-Truppe auch nur wenig darum schert, dass seine dahinvegetierende Frau ihr gemeinsames Kind mit Drogen ruhig stellt. Aber einer fehlt doch noch? Ja, es braucht für standesgemäßen Punk auch noch jemanden, der die Drumsticks schwingt, und so machen sich die drei Stadtmusikanten auf, um in dem erfolgreichen Schriftsteller Dries (Dries Van Hegen) ihren Mann am Schlagwerk zu finden. Doch der hat keinerlei Handicap aufzuweisen und so muss seine Unfähigkeit am Schlagzeug als Behinderung herhalten.


Die drei Pseudo-Punker aus dem Elendsviertel und der erfolgreiche Schriftsteller aus dem eher gediegenen Umfeld – gegensätzlicher geht es kaum und schon bald nutzt Dries seine vermeintliche Überlegenheit, beginnt die anderen Mitglieder zu instrumentalisieren, beeinflusst sie in möglichst negativer Weise und stellt sich als alles entscheidender Übermensch in die Position des gottgleichen Psychopathen, der seine Freude aus der Macht andere zu beeinflussen und zu ruinieren bezieht. Die Musik wird schon fast zur Nebensache und alles dreht sich um die Protagonisten, die von Dries in ihr eigenes Verderben gelenkt werden. So dauert es nicht lange, bis das gesamte Projekt des Punkhandicaps in eine finale und grausame Katastrophe mündet.


Genauso düster, konsequent und erbarmungslos wie es sich anhört, hat Koen Mortier seinen ersten Langspielfilm auch inszeniert. Ablehnung, soziale Repression und Perspektivlosigkeit sind hier nur als Ursprünge für die Gewaltorgien und brutalen Exzesse nicht nur sexueller Natur zu vermuten. Aber man denkt auch nicht lange darüber nach, vielmehr ist man gleich wieder von der nächsten Perversion vereinnahmt. Natürlich ist das alles in gewissem Maße vorprogrammiert, hält sich Mortier mit "Ex-Drummer" doch an die literarische Vorlage des umstrittenen belgischen Autors Herman Brusselmans. Doch trotzdem überrascht die Vehemenz der Vorgänge, die sich bei der Adaption für das visuelle Medium Film entwickelt hat. Mit fast nüchterner Klarheit werden einem die Gewalt- und Grausamkeitseskapaden der belgischen Dorfpunks vor Augen geführt, nur um von der gnadenlosen Kontroll- und Machtgier Dries` übertroffen zu werden. Beinahe scheint es, als wolle sich die gesammelte Mannschaft in ihren persönlichen Perversionen gegenseitig übertrumpfen und so ist es zweifelhaft, ob Dries alleine die Schuld am infernalen Ende hat. Doch wird man schnell übersättigt von den brutalen Geschichten der Protagonisten und kann nach einer Weile die immanente Abartigkeit der einzelnen Persönlichkeiten nicht mehr wirklich realisieren, sondern lässt sie wie in einem Rausch aus Gewalt, Missbrauch und Perversion an sich vorbeiziehen, ohne die ihnen innewohnende Bedeutung gänzlich zu .


Gepaart mit einem aggressiven Soundtrack, der den Exzess mit THE EXPERIMENTAL TROPIC BLUES BAND, MOGWAI, MILLIONAIRE und ISIS auch musikalisch an die Spitze treibt, darf man sich auf ein einschneidendes, beklemmendes und unangenehmes Stück Filmkunst freuen.


###Christoph Höhl###


Publisher: Eurovideo

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Wenn das Leben nach dem Tod doch immer so schön (animiert) wäre...
Dass Karl Markovics nicht nur als Schauspieler eine gute Figur abgibt, beweist er mit seinem Regiedebüt.
Ob man mit püriertem Zombiehirn wirklich Killerweed züchten kann, muss sich erst zeigen. Ob es sich hier um einen kultigen Stoner-Splatterfilm oder eine misslungene Wiederbelebung diverser Kiffklischees handelt, auch…
In diesem Edelkaff sagen sich nicht nur Fuchs und Hase, sondern auch Moral und Anstand gute Nacht.
Ach ja, das alte Oberstufenlehrer-Problem: Welche Version von "Caligula" zeigt man am besten im Latein-Unterricht? Vielleicht liefert diese brandneue DVD-Edition ja endlich eine Antwort.
Im Windschatten des Kino-Blockbusters ist jetzt auch der vielen unbekannte erste Film mit Marvels patriotischem Schildschwinger zu haben.
Rock Classics
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