Thornton, Michael Thornton. Geheimdienst-Agent, Spion. Auftrag: Ausforschung der Hintermänner jenes Terroranschlags, welchen dutzenden Passagieren eines zivilen Flugzeugs das Leben gekostet hat. Ort der Ermittlungen: Naher Osten, Moskau, Rom und Taipeh. Doch Agent Thornton steigt im Zuge der Nachforschungen mächtigen Hintermännern einer mysteriösen Verschwörung auf die Füße und wird kurzerhand auf die internationale Agenten-Abschussliste gesetzt.Zu Spielbeginn besteht die Möglichkeit das Alter Ego durch überschaubare Auswahlmöglichkeiten wie Augenfarbe, Bartlänge oder Brillen zu individualisieren. Die vorgenommene
Konfiguration ist dabei jedoch nicht permanent, sondern kann in jedem "Safe House" vor Missionsbeginn wieder geändert werden. Genaueres Augenmerk sollte hingegen bei der Auswahl der Klasse gelegt werden, denn "Alpha Protocol" ist kein Agenten-Shooter á la "No One Lives Forever" sondern erinnert vielmehr an den Cyberpunk-Genremix "Deus Ex". Wie auch in der Action-RPG-Perle aus dem Jahr 2000 muss das Alter-Ego mittels Skillpoints gelevelt werden. In "Alpha Protocol" stehen hierfür die Klassen Agent, Söldner, Soldat oder Techniker zur Auswahl, ein Wechsel ist lediglich nach Abschluss des ersten Abschnitts im Nahen Osten möglich, danach können nur noch bei den neun zur Verfügung stehenden Fähigkeiten entsprechende Fertigkeitspunkte vergeben werden, beispielsweise auf Skills wie Sturmgewehr, Sabotage oder Tarnung. Die Fähigkeitspunkte bilden auch eines der tragende Säulen der Spielmechanik, da sämtliche Handlungs-Resultate im Hintergrund ausgewürfelt werden. Die Wahrscheinlichkeit mit einer nicht geskillten Fähigkeit den gewünschten Effekt zu erzielen ist daher sehr gering.
Schwach und unausgereift wirkt auch die Gegnerlogik, richtig fordernd sind lediglich die Bosskämpfe, hier wurde die klägliche KI durch clever inszenierte Script-Events kompensiert. Auch gleichen sich viele Missionen wie ein Ei dem anderen. Dazu kommt, dass das Spieldesign umsichtiges Vorgehen und Schleicheinlagen nicht belohnt, sondern durch das fehlende Feedback sogar erschwert. Dies wird vielfach leider dazu führen, dass lediglich die offensiven Fähigkeiten geskillt werden um frustigen Wiederholungen zu entgehen (nein, es gibt kein freies Speichersystem). Zahlreiche Minigames wie das Schlösser-Knacken oder das Hacken von Computer-Terminals wurden augenscheinlich mit dem Anspruch implementiert Abwechslung in das Gameplay zu bringen. Leider wirken die meisten Minigames auf Dauer durch deren repetitives Design und auch durch die Häufigkeit nervtötend.Die Aufträge beginnen stets von einem so genannten "Safe House". Diese Stützpunkte dienen als Rückzugsorte für Thornton und sind mit einem Computer-Terminal mit E-Mail-Funktion und einem
virtuellen Zugang zum Schwarzmarkt, einem Fernseher als Nachrichten-Quelle sowie Zugang zum Waffen-Inventar ausgestattet. Gegen Bares kann die Ausrüstung mit Rückstoßdämpfern, größeren Magazinen, Visieren und vielem mehr aufgewertet werden.
So groß die Freiheiten bei der Verbesserung der Ausrüstung sowie Entwicklung der Fertigkeiten auch sind, so unflexibel präsentiert sich der Spielablauf. Wurde die Ausrüstung festgelegt und die Mission ausgewählt, erfolgt der prompte Spieleinstieg am Einsatzort. Die Areale sind linear, die Karten auffällig klein. Auch fehlen ansprechende Nebenmissionen, hier wurde Potential für zusätzliche Abwechslung verschenkt. In Summe hält "Alpha Protocol" für einen erfolgreichen Durchlauf trotzdem gut und gerne 20 bis 30 Stunden bei der Stange. Der Wiederspielwert ist dabei immens, da die aus "Mass Effect" und "Mass Effect 2" bekannten Dialogentscheidungen in völlig konträre Spiel-Enden resultieren können. Das Dialogsystem ist daher auch einer der zentralen Eckpfeiler des Gameplays; herausragend ist dabei insbesondere, dass nicht immer offensichtlich ist, welche Dialog-Entscheidung für den jeweiligen Gesprächspartner die beste Wahl ist.Die Steuerung funktioniert in den Kämpfen meist rund, jedoch hätte die verschachtelte Menüführung des Inventarsystems besser gelöst werden können. Auch die optischen Hinweise, welche Kletter-
oder Sprungmöglichkeiten mittels Icon anzeigen wirken störend und stören die Atmosphäre. Ebenfalls unübersehbar: Die optische Präsentation hinkt dem Genre-Standard um Jahre hinterher; Charakter-Animationen wirken mit Ausnahme der bewegungsechten Nahkampfeinlagen hölzern, Clipping-Fehler und die an vielen Stellen matschigen Texturen passen ins Bild der rundum veralteten Grafik. Sound und Sprachausgabe gehen dagegen ausgesprochen gut ins Ohr, auf eine deutsche Synchronisation wurde verzichtet.Fazit: Licht und Schatten liegen bei "Alpha Protocol" eng beisammen. Tolle Ansätze wie das durchdachte und motivierende Dialogsystem oder die hohe Wiederspielbarkeit stehen der strohdummen KI, der altbackenen Grafik und den repetitiven Mini-Games gegenüber. Schade auch um das verschenkte Stealth-Potential. Fans von Agenten-Spielen und Freunde von spielerischer Entscheidungsfreiheit und stimmigen Dialogen können dennoch zugreifen.
# # # Karl H. Stingeder # # #
Grafik: 4,5/10
Sound: 8,5/10
Steuerung: 7,5/10
Spielspaß: 7,0/10
Gesamt: 7
Entwickler: Obsidian Entertainment
Publisher: Sega





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