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Gruselkabinett 168

Ein Leben dominiert von Tod und Zerfall: Seit dem tragischen Tod seiner Frau lebt Hugo Viane in der Vergangenheit.

Gruselkabinett 168Bereits fünf Jahre sind vergangen, seit Hugo Vianes Frau ihr Leben aushauchte. Die Ehe war geprägt von Harmonie und Glück, ein Zustand, der abrupt ein Ende fand und Viane als trauernden Witwer zurückließ. Seitdem prägt die stetige Trauer um die Liebe seines Lebens den Alltag. Wenn er nicht in Erinnerungen versunken Bilder und andere zurückgebliebene Habseligkeiten bewundert, streift er durch die dunklen menschenleeren Straßen des abendlichen Brügge. Selbst ein in der Wohnung eingerichteter Schrein vermag nicht dabei zu helfen, den Kummer zu überwinden.


Nichts und niemand kann den selbst geschmiedeten Panzer aus seelischem Schmerz und Melancholie durchdringen. Die kalten Mauern und verlassenen Gassen der Stadt Brügge werden zum Symbol seines Verlusts. Nicht nur einmal schweifen seine Gedanken ab und die Möglichkeit des Freitods scheint erstrebenswert. Während eines der zahllosen nächtlichen Spaziergänge kommt es zu einer zufälligen Begegnung mit der Schauspielerin Jane Scott, die im örtlichen Theater auftritt. Hugo ist fasziniert, besteht doch eine frappierende Ähnlichkeit zu seiner verstorbenen Gattin, er muss die junge Frau näher kennenlernen. Tatsächlich besteht auch seitens der lebenslustigen Tänzerin ein gewisses Interesse an Hugo, sodass die beiden sehr schnell eine Affäre miteinander beginnen.


Nach kurzer Zeit ist der junge Witwer der neuen Bekanntschaft komplett verfallen. Doch dann kommt es zu einem weiteren Wendepunkt im Leben Hugos, als er erkennen muss, dass die Ähnlichkeit der beiden Frauen letztlich nur rein optisch besteht, sie charakterlich jedoch erstaunlich wenige Gemeinsamkeiten verbinden. Die leidenschaftliche Liaison wird alsbald zu einer immer toxischerenVerbindung, die letztlich nur ins Verderben führen kann. 


Das "Gruselkabinett" bietet der gesamten Palette der Horror- und Gruselliteratur eine Heimat und greift in diesem Rahmen auch immer wieder unkonventionelle Stoffe auf, die erst auf den zweiten Blick einen Platz innerhalb dieser Reihe verdienen. Deshalb an dieser Stelle der Hinweis, dass jene Hörer, die eine klassische Schauergeschichte mit übernatürlichem Inhalt erwarten und auch im Horror beheimateten Aspekten gegenüber offen sind, bei "Das tote Brügge" enttäuscht werden könnten. All jene, die jedoch ein Interesse verspüren, ihren Horizont in Sachen düsterer und melancholischer Literatur zu erweitern, sind hier goldrichtig. Georges Rodenbachs Novelle ist nichts anderes als eine Ode an die Schwermut und das Morbide, von dem man sich auf unerklärliche Weise angezogen fühlt. Die allgegenwärtige Trauer des Witwers vermengt sich mit den Beschreibungen einer kalten und abweisenden Stadt. Brügge wird zum Symbol der Melancholie.


Tod und Zerfall scheinen an jeder Straßenecke zu lauern. Natürlich überkommt einen die bange Frage, ob die morbide Schönheit, die dem Papier innewohnt, auch in einem anderen Medium funktioniert. Ohne Umschweife kann man diese Frage mit einem Ja beantworten. Insbesondere die von Peter Weis als Erzähler vorgetragenen Passagen erstrahlen in einer poetischen Sprache, die so wortgewaltig erscheint wie noch niemals zuvor in dieser Reihe. Mit seiner Stimme und der Artikulation der Worte setzt sich Weis hier ein persönliches Denkmal. Selten lag so viel Schönheit eingebettet in ein permanent gegenwärtiges Gefühl der Traurigkeit.


Doch "Das tote Brügge" stellt noch viel mehr dar als einen Ausdruck der Strömung des Fin de Siècle, einem Lebensgefühl geprägt von Zerfall und Vergänglichkeit. Es ist auch gleichzeitig eine große Tragödie mit einem düsteren Finale – ein tröstliches Ende wäre hier jedoch auch fehl am Platz. Dazu gesellt sich ein gesellschaftlicher Diskurs des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wertevorstellungen, die uns heute als überkommen erscheinen, waren zum damaligen Zeitpunkt durchaus provokativ. So gelingt es auch dies in die Hörspielbearbeitung einfließen zu lassen, ohne dabei übertrieben zu wirken oder den inhaltlichen Rahmen des "Gruselkabinetts" zu verletzen. Der Zwiespalt zwischen Glaube und Moral im Gegensatz zu Liebe und Selbstbestimmung wird gekonnt in Szene gesetzt.


Die Soundeffekte ordnen sich hier der Sprache unter. Im Mittelpunkt steht das Wort, egal ob in der Beschreibung des Erzählers oder den Dialogen. Die musikalische Ausformung bewegt sich innerhalb der bekannten Parameter des Labels und so sorgt man für die richtige Untermalung des Stoffs. Wie bereits erwähnt fällt Peter Weis ein höher Anteil daran zu, dass dieses Hörspiel etwas Außergewöhnliches geworden ist. Ebenso dazu beigetragen haben auch Michael-Che Koch, den man selten zuvor in einer so dichten emotionalen Performance genießen durfte und Eva Michaelis als Femme fatale, die Hugo Viane in den Abgrund treibt. Wer die Bereitschaft zeigt sich auf etwas Neues einzulassen, wird mit einer der besten Hörspieladaptionen belohnt, die Titania Medien bisher geschaffen hat.


 
# # # Justus Baier # # #



Publisher: Titania Medien


 

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artikel closer s144 rc44© SLAM Media

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