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Gruselkabinett 177

Neid und Missgunst können oft Auslöser für eine ganze Kette von erschütternden Ereignissen sein, die nicht selten in Mord und Totschlag enden.
Gruselkabinett 177
© Titania Medien

Der Familie Polykarpowitsch stehen einige tiefgreifende Veränderungen bevor. Basiliy, der älteste und einzige Sohn des alten Hausherrn, tritt den Militärdienst in der Armee des Zaren an. Die Emotionen schwanken zwischen Freude und Abschiedstrauer, insbesondere bei Nikolay, einem Freund seit Jugendtagen, und seiner Kinderfrau, der alten Mataphka. Bereits kurze Zeit nach der Abreise von Basiliy sieht sich der zurückgebliebene Nikolay immer wieder mit dem Zorn des Hausdieners Michaylow konfrontiert, der nicht selten in Gewalt und Demütigungen mündet. Ein unerklärlicher Hass auf den jungen Mann und seine Mutter bestimmt seit jeher dessen Handeln. Als eines Tages einige Tauben aus dem Besitz von Basiliys Schwester Agarphonika verschwinden, sieht Michalylow seine Stunde gekommen.


Er schafft es, den Verdacht auf Nikolay zu lenken und ihn des Diebstahls zu bezichtigen. Der alte Polykarpow sieht sich zum Handeln gezwungen und veranlasst die Bestrafung von Nikolay. Geblendet von seinem Hass vergisst sich Michaylow und peitscht den Jungen zu Tode – der Auslöser einer Reihe von Ereignissen, die die gesamte Familie Polykarpow und ihre Dienerschaft in den Abgrund reißen. Trauer kann der Auslöser für unvorstellbare Taten sein, die niemand für möglich gehalten hätte, und auch Unschuldige mit in den Abgrund reißen.


Es gelingt den Machern des „Gruselkabinetts“ immer noch, das Publikum auch nach weit über 100 Folgen zu überraschen, nämlich immer genau dann, wenn man vollkommen unerwartet Stoffe aus dem Ärmel schüttelt, deren Vertonung niemand erwartet hat. Unbestritten dürfte auch das Werk „Furia Infernalis“ des deutschen Märchenautors Ludwig Bechstein in diese Kategorie fallen. Schon alleine der Ort der Handlung weicht deutlich von bekannten Standards ab, liegt dieser doch in den Weiten der Ukraine. Bechstein verknüpft die Geschichte des Untergangs eines Adelsgeschlechts mit einer Kreatur, deren Existenz lange Zeit als unklar galt und die in der Folklore Skandinaviens und des Baltikums anzutreffen ist, der Höllenfurie: Ein insektenartiges Geschöpf, das seine Opfer durch einen schmerzhaften Stich tötet.


Ihre Spannung und Intensität zieht die Story aus gleich zwei Quellen. Zum einen aus den vielen tragischen Momenten, die die Familie und ihr Umfeld überschatten, und ob es den Akteuren gelingt, ihre niederen Motive wie Neid und Hass zu überwinden und zumindest eine Versöhnung und Verzeihen in Aussicht zu stellen. Zusätzliche Spannung speist sich aus einem ausgestoßenen Fluch, einem klassischen Element der Schauer- und Gruselgeschichte. Angereichert wird dieses mit dem Instrument der Rache, einem in der slawischen Folklore verhafteten Monstrum, welches das Übersinnliche repräsentiert. Gebannt verfolgt man die Versuche, ob es gelingen wird, der Höllenbrut Einhalt zu gebieten und der Familie wieder Frieden zu gewähren.


„Furia Infernalis“ ist eine gekonnte Melange aus großen Gefühlen, die langsam aber stetig den Weg in den Abgrund weisen, und einer exotischen Gruselgeschichte mit einem Wesen aus Mythen und Legenden, das über Jahrhunderte die Fantasie der Menschen anregte. Die ganze Macht dieser Erzählung entlädt sich in einer unheimlich dicht inszenierten Schlüsselszene, der Nacht in der Steppe. In der dunklen Weite der menschenleeren Landschaft entsteht aus Wut und Trauer etwas Schreckliches und Groteskes, das sich mit dem Schicksal der Familie unlösbar verkettet.


Unerwartet versteckt sich in der Erzählung eines deutschen Märchenautors des 19. Jahrhunderts jedoch ein Subtext. Die Geschichte einer bedingungslosen homoerotischen Liebe, die über Jahrzehnte im Verborgenen wächst und leider nie erhoffte Erfüllung erfährt. Geschickt wird diese zusätzliche Ebene in das Hörspiel verwoben, nie aufdringlich, jedoch als absolute Bereicherung für jene, die gerne bereit sind, sich intensiver mit einem Stoff zu befassen. Großes Lob muss an dieser Stelle dem Soundtrack der Produktion ausgesprochen werden. Die verwendeten Stücke und Soundarrangements passen perfekt zum Sujet der Geschichte und sorgen direkt für die ersten Assoziationen im Kopf. Besser geht es kaum!


Die Dialoge zeichnen sich einmal mehr durch die Liebe zur Sprache aus. Freunde des geschliffenen Wortes werden an diesem Hörspiel ihre Freude haben. Am Mikro versammeln sich wie üblich viele große Namen des Stammpersonals der Titania-Produktionen. So ist hier der unverwechselbare Peter Weis als vortrefflicher Erzähler zu hören, neben ihm agieren weitere Profis wie Uschi Hugo, Bodo Primus, Bert Stevens und die bestens aufgelegte Regina Lemnitz. Eine erneut starke Folge dieser seit Jahren überzeugenden Reihe.
 

# # # Justus Baier # # #
 

Publisher: Titania Medien
 

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