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Hexenkunst

Vorsicht vor unheimlichen Frauen mit einer noch unheimlicheren Ziege.
Hexenkunst
© Reprodukt

Drei mysteriöse Frauen und eine Ziege werden anno 1768 im Hafen von Buenos Aires an Land gebracht, zusammen mit dem kleinen Sohn jener nun äußerst bestürzten Dame der besseren Gesellschaft, die sich eben noch an Bord über sie mokiert hat. Ein Übel aus der alten Welt kommt also offenbar in der neuen an – es ist ein gerne verwendetes Motiv des Horrorgenres, mit dem die (nach „Naphtalin“ zweite bei Reprodukt erschienene) Graphic Novel von Sole Otero beginnt, und doch erweist sich die Sache als nicht so eindeutig, wie es der erste Blick vielleicht nahelegt. Ohne an dieser Stelle spoilern zu wollen: Nicht alles, was die Lesenden gerne an Informationen über das Treiben des seltsamen Trios und ihres nicht minder seltsamen Tiers erfahren würden, bringen die insgesamt 376 Seiten ans Licht.


Die argentinische Künstlerin kennt natürlich das Einmaleins der Erzählkunst mehr als genug, um zu wissen, dass der Reiz des Geheimnisvollen durch zu viele Enthüllungen schnell verlorengehen kann. Und so schickt sie uns zuerst auf eine in mehreren Zeitebenen angesiedelte Schnitzeljagd nach Informationen, wobei die einzelnen Episoden zunächst scheinbar nichts miteinander verbindet, wenn da nicht das unheimliche Treiben hinter verschlossenen Türen wäre, auf das Außenstehende auf unterschiedliche Weise reagieren: Während die einen die Frauen einst als Hexen und Ketzerinnen schmähten, schätzten die anderen ihre Kenntnisse als Geburtshelferinnen. In der Gegenwart wiederum dürften die Schwestern genug Einfluss und Wohlstand besitzen, um selbst ehemaligen Schutzbefohlenen den eigenen Willen aufzuzwingen.


Als so vielfältig wie das Spektrum an Emotionen gegenüber den offenbar nicht alternden Frauen erweist sich auch das Artwork. Jede Episode wird von anderen Farbkombinationen dominiert, während Sole Oteros weicher Zeichenstil einen Gegensatz zum markant-wuchtigen Äußeren ihrer Figuren darstellt und so die Einordnung der Handlung in Genreschubladen zusätzlich erschwert: Für blanken Horror findet sich zu viel Alltägliches, für ein bloßes Porträt verschiedener Lebensentwürfe quer durch mehrere Jahrhunderte argentinischer Geschichte zu viel Mysterium. Vielleicht stellt „Walicho“, so der nach einem bösen Geist aus der Folklore benannte Originaltitel, ja in seinem Kern weniger Fragen nach dem tatsächlichen Wesen von starken Frauen, sondern vielmehr nach dem jeweiligen Bild, das sich andere von ihnen mach(t)en?


# Andreas Grabenschweiger # # #
 

Publisher: Reprodukt
 

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artikel closer s147 rc45© SLAM Media

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