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Interview: Michael Allred

Die soeben erschienene deutschsprachige Fassung seiner Graphic Novel über DAVID BOWIE haben wir für eine (virtuelle) Audienz beim einzig wahren Meister der Pop Art in Comic-Form genutzt.

(C) privat / Michael Allred / Zum Vergrößern auf das Bild klickenDieser Tage ist beim fantastischen Cross Cult Verlag ein nicht minder fantastisches Buch erschienen, das sich in Panelform einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts widmet. Mit "Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume" erweist Michael Allred ("Madman", "iZombie") als Institution schlechthin, was in Pop Art gegossene Comic-Kunst angeht, jenem Mann seine Ehrerbietung, der der Welt unter anderem Ziggy Stardust, Aladdin Sane oder den Thin White Duke geschenkt hat.


Zusammen mit seiner Frau Laura als bewährt kongenialer Koloristin und Co-Autor Steve Horten erzählt der extrem sympathische Amerikaner, wie aus David Robert Jones ein Chamäleon der Popkultur wurde – eingebettet in kunterbuntes Artwork, das den Leser förmlich anspringt. Als sich uns die Gelegenheit bot, dem Maestro per Mail ein paar Fragen stellen zu dürfen, konnten wir natürlich nicht widerstehen. Wer also schon immer wissen wollte, welchen Aufwand Mike "Doc" Allred in "Bowie" gesteckt hat, was es Neues hinsichtlich seiner bekanntesten Kreation Madman zu berichten gibt und welche Bands er schätzt, liegt hier goldrichtig.


SLAM: Könntest du uns bitte ein bisschen über das Feedback erzählen, das du bisher zu deiner Graphic Novel "Bowie" erhalten hast, speziell vonseiten der Die-hard-Fans von DAVID BOWIE?

Michael Allred: Es ist seltsam, weil die Rückmeldungen wirklich wundervoll waren und ich nicht überrascht bin. Nicht weil ich ein gefährlich großes Ego habe, sondern weil ich weiß, dass ich alles, was mir möglich war, hineingesteckt habe und zuversichtlich war, dass sich mein Enthusiasmus auch auf die anderen Die-hard-Fans übertragen würde.


SLAM: Der Hauptfokus bei "Bowie" ist der Aufstieg zum Star und die Schöpfung von Ziggy Stardust als karriereprägende Ära. Es sind hier viele – sagen wir mal so – harte Fakten enthalten, also Veröffentlichungsdaten, Tourdaten, geschäftliche Entscheidungen und so weiter, aber nicht sehr viel über DAVID BOWIE als Privatperson. War das von Beginn an so beabsichtigt oder einfach nur auf das Fehlen von entsprechenden Informationen darüber zurückzuführen?

Michael Allred: Zunächst ist zu sagen, dass DAVID BOWIE nie sehr freimütig war. Er war immer unnahbar oder auf Ablenkungen bedacht. Er war sich auch darüber bewusst, dass Andeutungen und Geheimnisse viel mächtiger waren als sich einfach so über Intimstes zu öffnen. Ich habe diese geheimnisvollen Aspekte von Bowie immer geliebt und das auch in einer Weise wiedergeben, die unterhält und Wissen vermittelt, aber auch die Mysterien beibehält, welche die Vorstellungskraft befeuern.


(C) Cross Cult Verlag / Bowie: Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume / Zum Vergrößern auf das Bild klickenSLAM: Die Menge an visuellen Details, die sich über die Seiten von "Bowie" erstrecken, ist beeindruckend, vor allem beim im Stil einer Collage gehaltenen Epilog. Abgesehen vom ganzen Rechercheaufwand bezüglich Outfits, Artworks, Magazincovers und so weiter kann ich mir vorstellen, dass der Bowie-Fan in dir hier so viel wie möglich unterbringen wollte. Mussten dich deine Frau Laura oder Steve Horton als deine Partner bei der Zusammenarbeit in dieser Hinsicht manchmal ein bisschen einbremsen?

Michael Allred: Ich war geradezu besessen davon, das Ganze so definitiv und zufriedenstellend wie nur möglich anhand der verfügbaren Seitenanzahl zu machen. Niemand versuchte mich aufzuhalten. Es gab eigentlich wenig Interaktion zwischen mir und Steve Horton, nachdem er sein ursprüngliches Skript eingereicht hatte. Ich reflektierte alles, was er beitrug, fügte Geschehnisse hinzu, die mich schon immer fasziniert hatten, und drehte dann jeden möglichen Stein um, so gut ich konnte, um viele überraschende Entdeckungen und Anekdoten hinzuzuzufügen.


SLAM: Das Nachwort des Buchs gibt einige Einsichten zu deiner mehrere Dekaden überspannenden Obsession für DAVID BOWIE und erwähnt auch frühe Pläne, seine Geschichte – oder besser gesagt Geschichten – als Comic umzusetzen. Kannst du ungefähr beschreiben, wie lange es letztlich gedauert hat von der finalen Entscheidung, das jetzt anzugehen, bis zu jenem Moment, als die fertigen Seiten an die Druckerei gingen? Und wie hat das zeitlich in deinen Terminplan reingepasst, vor allem hinsichtlich der Auftragsarbeiten für Marvel?

Michael Allred: Es war nur eine Frage von Wochen von jenem Moment, an dem Steve an mich herantrat für den Versuch, das Projekt auf die Beine zu stellen, und die Einbeziehung von Insight (der US-Publisher des Werks; Anm. der Red.). Dann folgten fast drei Jahre an Produktion, da ich keine Abkürzungen nehmen wollte und auch andere Projekte hatte, an denen ich arbeitete.


SLAM: Diese Frage hat eher den Charakter einer Fußnote, aber der Kommentar im Verlauf der Story, dass Brian Jones ermordet wurde und der Täter gestand, überraschte mich. Wir wissen natürlich alle um die Existenz diverser Gerüchte und Theorien über seinen Tod, aber meines Wissens wurde nie jemand in diesem Fall wegen Mordes verurteilt. War das künstlerische Freiheit von deiner Seite?

Michael Allred: Nicht wirklich. Ich zeige nicht mit dem Finger auf ihn, indem ich seinen Namen nenne, da er nie verurteilt wurde, aber es wird weitläufig berichtet, dass Frank Thorogood, ein auf dem Anwesen von Brian Jones beschäftigter Bauarbeiter, auf dem Totenbett ein Geständnis ablegte. Allem Anschein nach war er die letzte Person, die Jones lebend gesehen hatte. Ich hätte es vielleicht präziser formulieren können und nicht das Wort "confirmed" verwenden sollen, aber es ist wie es ist.

SLAM: Deine neueste Schöpfung ist "X-Ray Robot". Ich habe bisher erst das erste Heft gelesen, aber es finden sich darin schon jede Menge klassische Science-Fiction-Elemente wie waghalsige Wissenschaftler, ein gefährliches Experiment, eine andere Dimension und – wie wir im Cliffhanger am Schluss sehen – auch Zeitreisen. Kannst du uns bitte ein bisschen erzählen, was wir uns von den folgenden drei Heften der Miniserie erwarten können und was die Verbindungen zum "Madmaniverse" sind?

Michael Allred: Nein. Haha!


SLAM: Apropos Madman… besteht hier die Chance auf einer Werksausgabe in der nahen Zukunft? Es gab natürlich einige Kollektionen, aber allgemein scheint es etwas schwierig zu sein an alles heranzukommen, was über die Jahre bei verschiedenen Verlagen wie Image, Dark Horse oder Oni erschienen ist.

Michael Allred: Wir haben gerade jetzt eine riesige Super-High-End-Werkausgabe in der Mache, die alles aus dem "Madmaniverse", das mit Madman zu tun hat, enthalten wird. Aktuell sieht es danach aus, dass das etwa sechs Bände sein werden. Wir kolorieren sogar die erste Madman-Serie, die nur zweifarbig war. Das wird also die definitive Kollektion meiner eigenen Arbeiten, die alle miteinander verbunden sind.


(C) Dark Horse / X-Ray Robot 1 / Zum Vergrößern auf das Bild klickenSLAM: Woran arbeitest du gerade? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für neues Madman-Material in nächster Zeit?

Michael Allred: An Madman-Sachen wird immer gearbeitet. Ich stelle gerade die letzte Ausgabe von "X-Ray Robot" fertig, ein Spin-off von "X-Static" namens "The X-Cellent" (für Marvel; Anm. der Red.) und andere Dinge, bei denen ich eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen musste. Und ich stehe kurz vor der Unterschrift für ein neues Projekt für Insight.


SLAM: Abhängig von deiner verfügbaren Freizeit – was liest du gerade? Bücher, Comics, was auch immer…

Michael Allred: Ich habe absolut keine Freizeit. Im Fernsehen läuft dauernd was, das ich mir anhören kann wenn ich gerade nicht Musik laufen habe. Ich gönne mir selbst auch Pausen mit untertitelten Filmen, die ich mir nicht anhören kann während des Zeichens. Ich versuche alle frühen Filme von Bong Joon-ho (Regisseur des Oscar-prämierten "Parasite"; Anm. der Red.) anzusehen, die ich noch nicht kenne. Solche Sachen eben.


SLAM: Viele Comic-Künstler verwenden heutzutage Grafiktablets. Bist du ein Oldschooler, der immer noch ausschließlich auf Papier zeichnet und tuscht? Ich habe diesen Eindruck bekommen, als ich im Internet über eine Auktion von Originalseiten von dir gestoßen bin, also ist das eher ein Schuss ins Blaue.

Michael Allred: Ich versuche mit der Technik und allem mitzuhalten, was dabei hilft mich zu verbessern, aber ich hänge doch sehr an meinen Oldschool-Gewohnheiten.


SLAM: Wie können sich gewöhnliche Sterbliche einen Tag im Leben von Michael Allred vorstellen?

Michael Allred: Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich von dem leben kann, was ich tue, und will das niemals als Selbstverständlichkeit ansehen. Folglich kreiere ich fast jeden wachen Moment irgendetwas. Ich mache "Vampirstunden", sprich ich arbeite die Nacht durch und schlafe am Tag. Aber ich fühle mich schuldig, das was ich mache als "Arbeit" zu bezeichnen. Ich stehe auf, esse, mache Sachen und renne entweder die Trampelpfade hinter unserem Haus entlang oder mache eine Ausfahrt mit dem Rad, und mache dann mehr Sachen. Das Einzige, was für irgendjemanden vielleicht für Interesse wäre, sind unsere "Familienfreitage", wenn wir alles stehen und liegen lassen, womit wir uns gerade beschäftigen und mit Freunden und Familie zusammenkommen. Wir essen miteinander, manchmal kocht Laura etwas Spezielles, manchmal gibt es einfach nur Pizza, manchmal nehmen unsere Freunde ihre selbstgemachten Spezialitäten mit. Wir haben auch eine Karaokebühne mit dem Soundsystem meiner Band THE GEAR. Besser als jeder Karaokeclub, in dem ich gewesen bin. Wir haben einen Flipperautomaten. Es ist eine tolle erzwungene Auszeit.


SLAM: "Sandman Ouvertüre" enthält eine Playlist von Alben, die J. H. Williams III während des Zeichnens gehört hat. Hast du während dem Arbeiten Musik zur Entspannung laufen oder sogar auch als Inspiration? Und weil wir ein Musikmagazin sind, muss ich natürlich nach deinen Allzeitfavoriten fragen. Abgesehen von DAVID BOWIE klarerweise…

Michael Allred: Oh Junge! Bist du bereit? Das Problem mit Listen ist, dass du immer etwas auslassen wirst und eine Reihenfolge zu definieren versuchst. Ich schwindle mich da also jetzt einfach mal etwas durch: THE BEATLES, THE MONKEES, PINK FLOYD, RAMONES, THE WHO, CHEAP TRICK, THE ROLLING STONES, MOTT THE HOOPLE, QUEEN, LED ZEPPELIN, ROXY MUSIC, DEVO, T. REX, THE KINKS, THE DANDY WARHOLS, MY CHEMICAL ROMANCE, MGMT,  RADIOHEAD, MOODY BLUES, NEIL YOUNG, NEIL DIAMOND,  THE ZOMBIES, NEW YORK DOLLS, PIXIES, PRINCE, THE BRIAN JONESTOWN MASSACRE, BLACK REBEL MOTORCYCLE CLUB, SPOON, TAME IMPALA, THE STOOGES, BECK, ST. VINCENT, BRANDI CARLYLE, BLACK SABBATH, EAGLES OF DEATH METAL, EMERSON, LAKE & PALMER, CAGE THE ELEPHANT, ALICE COOPER, THE VELVET UNDERGROUND, BLONDIE, JETHRO TULL, HENDRIX,  JOAN JETT, DURAN DURAN, B-52S, BADFINGER, THE CARPENTERS, ELTON JOHN, CAT STEVENS,  ELECTRIC LIGHT ORCHESTRA, GRASS ROOTS, HARRY NILSSON, HEART, THE HOLLIES, KISS, SUEDE, FLAMING LIPS, FOO FIGHTERS, THE CURE, SUPERTRAMP, THE SMITHS, XTC, THE YARDBIRDS,  YES, THE STROKES, DEPECHE MODE,  THE SWEET, TEARS FOR FEARS, THE TURTLES, THE WALKMEN, THE WALKER BROTHERS… und mein "Bowie"-Herausgeber Mark Irwin hegt eine fanatische Leidenschaft für RUSH, was mein Interesse an der Band wieder erneuert hat.


SLAM: Da du auch selbst Musiker bist – was ist aus deiner bereits angesprochenen Band THE GEAR geworden?

Michael Allred: Da ich mittlerweile meine eigene "Partridge Family" herangezogen habe, wobei die Band aus meinen zwei Söhnen und meiner Schwiegertochter besteht, sehen wir uns die ganze Zeit und haben genug Material, um locker drei Alben zu füllen. Wir sind aber alle so mit unseren Projekten beschäftigt, dass wir kaum ein Zeitfenster finden, um dem Ganzen den nötigen Fokus zu geben, den es für die Finalisierung bräuchte.


 
# # # Andreas Grabenschweiger # # #


 

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