
© Kein Bock auf Nazis Festival Kusel
Seit wann seid ihr als Veranstalter aktiv und was hat euch motiviert, ein Open Air auf die Beine zu stellen?
Alles fing tatsächlich im kleinen Rahmen bei einer Party und gefühlt nach dem 43. Bier an. Wir entschieden zu dritt, dass wir eine kleine Party mit dem Titel „Kein Bock auf Nazis“ an der Blockhütte in Dennweiler-Frohnbach, der Weltmetropole (lacht), machen wollen. Das war 2007. Völlig naiv und chaotisch… chaotisch sind wir allerdings immer noch. (schmunzelt) Nachdem wir die ersten Bands bestätigt hatten, gab es Sicherheitsbedenken bei Bürgermeister und Polizei. Schließlich hatten wir auch ein sehr provokantes Plakat mit dem bösen JOHNNY CASH-Mittelfinger. Glücklicherweise bot uns dann aber eine nette Person der Verwaltung Kusel die Burg Lichtenberg an. Innerhalb kürzester Zeit planten wir um, improvisierten sehr stark mit Bühne, Technik et cetera und konnten das Festival letztendlich durchziehen. Seither gab es immer wieder Probleme mit Verwaltung, Bürokratie und natürlich immer wieder den Vorwurf, dass wir ein linksextremes Festival wären und so weiter. Dies führte dazu, dass wir 2010 ein großes Festival mit rund 1000 Menschen hatten, aber das Jahr darauf wieder ein Festival mit 100 Menschen im Mehrgenerationenhaus Kusel veranstalteten. Zwei Jahre lief das Festival dann auch in Zweibrücken, aber seit 2020 wieder durchgehend auf der Burg Lichtenberg. Die Hauptbotschaft und die Motivation beschreibt ja im Prinzip schon der Titel. Wir wollen eine Umgebung beziehungsweise einen Safe Space schaffen, wo alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Geschlechts oder ihres Glaubens friedlich den Tag verbringen können.

© Hannah Bodtländer
Wie seht ihr die Musikszene abseits der großen Städte und was wollt ihr beitragen, um diese auch auf dem Land zu unterstützen?
Wir merken im Kuseler Hinterland natürlich auch den Rechtsruck und die Normalisierung von rechten Einstellungen. Outing-Aktionen, Morddrohungen, Aufkleber, öffentliche Drohungen oder Briefe im Briefkasten häufen sich wieder. Gleichzeitig sind wir uns natürlich darüber bewusst, dass wir als linkes Festival einfach angreifbar sind. Dies impliziert auch das genaue Betrachten unserer Bandauswahl, der Infostände und so weiter hinsichtlich Fördermitteln und Unterstützung. Wir lassen uns davon allerdings nicht einschüchtern und sehen das als absolute Motivation, noch mehr zu machen und noch lauter zu werden. Wir haben es satt, ständig mit Dorffesten, Discoabenden und BÖHSE ONKELZ-Partys zugemüllt zu werden und wollen den Traum von einem selbstbestimmten Leben – einem Leben ohne Zwänge, einem Leben in Freiheit – mit den Menschen teilen. Das bedeutet natürlich auch jungen Bands, die fernab vom Mainstream sind, eine Auftrittsmöglichkeit zu bieten. Gerade im Hinterland spielen jedes Wochenende verschiedene Bands mit Onkelz-Covers oder der 598. Version von „Summer Of ’69“. Alternative Bands gehen da völlig unter, da ist ein Support unglaublich wichtig, da auch dies alternative Gesamtstrukturen vorantreibt. Wir wollen anderen Jugendlichen und Menschen diese andere Seite des Lebens aufzeigen, indem wir Konzerte, Festivals, Infoveranstaltungen, Lesungen, Partys et cetera veranstalten. Wir kämpfen für eine alternative Jugendkultur, weil wir den „Kids“ auf den Dörfern einfach zeigen wollen, dass es fernab ihrer Dorfidylle auch noch ein anderes Leben gibt, ein Leben, welches sich kritisch mit den aktuellen Zuständen der Welt beschäftigt, ein Leben, das Nulltoleranz gegenüber FaschistInnen, RassistInnen, AntisemitInnen, SexistInnen und NationalistInnen aufzeigt. Ein Leben, das für die Solidarität untereinander und für ein friedliches Miteinander einsteht.

© Hannah Bodtländer
Was sind die Kriterien, um als Band beziehungsweise KünstlerIn bei euch auf dem Festival auftreten zu dürfen?
Wichtigster Punkt: Sei einfach kein Arschloch! (lacht) Wir versuchen immer ein recht abwechslungsreiches Programm auf die Beine zu stellen mit verschiedenen Künstler*innen oder Menschen, die wir selbst schätzen oder auch teilweise selbst hören – wir sind eine recht überschaubare Orga-Gruppe. Natürlich muss das Ganze auch finanziell für uns hinhauen. Wir sind immer noch ein unkommerzielles, antikapitalistisches DIY-Festival. Seit Jahren ist es uns wichtig, dass wir auch verstärkt im Bereich Flinta* das Bühnenprogramm vorantreiben. Zudem versuchen wir auch auf lokaler Ebene Bands einzubeziehen.
Welche anderen Veranstaltungen außer dem Kein Bock auf Nazis Festival Kusel organisiert ihr und welche Bedeutung haben sie für euch?
Wir versuchen durchgehend eine alternative und antifaschistische Struktur im Kuseler Hinterland aufrecht zu erhalten und die kritische Stimme zwischen Grillromantik, Kuseler Musikantenland und Gartenzwergen mit 1. FC Kaiserslautern-Trikots zu sein. Das geschieht durch Vorträge, Filmabende, Diskussionsrunden, Konzerte und Lesungen.

© Hannah Bodtländer
Was wünscht ihr euch generell von euren Mitmenschen und der Gesellschaft?
Wir wünschen uns eine Akzeptanz und Unterstützung von antifaschistischen Strukturen vor Ort. Keine Kriminalisierung und Problematisierung von linken Subkulturen. Klare Kante gegen die Normalisierung des Rechtsrucks und ein AfD-Verbot!
Was magst du uns zum Abschluss noch mitteilen?
Dieses Jahr wird unser Festival ganz im Namen unseres verstorbenen Freunds und Musikers DE PASCAL VU WOOLTZ aus Luxemburg stehen. Ein unglaublich toller Mensch, der in unserem Orga-Team war und die gute Seele unseres Festivals verkörpert hat. Ein immer gut gelaunter Mensch, der eine ganz besondere Aura hatte und innerhalb von Sekunden das Herz von allen erreichen konnte. Pascal war mehr Punk als die gesamte Szene in Deutschland zusammen. (schmunzelt) Wenn es mehr Menschen wie Pascal geben würde, wäre die Welt definitiv besser! Einer unserer Höhepunkte war beispielsweise immer das Frühschoppenkonzert am Festival-Samstag mit Pascal. Meistens sah das so aus, dass wir mit Menschen vom Orga-Team – also jene, die halt fit waren (lacht) – mit mindestens zwei Promille und zwei Kisten Bier Richtung Zeltplatz getingelt sind, irgendwo unterwegs Pascal aufgegabelt und dann auf dem Zeltplatz mit den Menschen getrunken und gequatscht haben, während Pascal ein akustisches Set spielte. Gänsehautmoment! Pascal starb 2025 auf dem Heimweg von unserem Orga-Nachtreffen bei einem Verkehrsunfall – ein betrunkener Geisterfahrer raste direkt in ihn rein. Sein Tod hat uns alle schwer getroffen und es wird auch beim Festival 2026 nochmal sehr emotional für uns werden. Aber wir wollen es auch für Pascal zu etwas ganz Besonderem machen. Es wird eine kleine „De Pascal Vu Wooltz“-Stage mit Akustik-Acts geben und es wurde im Vorfeld ein „De Pascal Vu Wooltz“-Bandcontest abgehalten. Never forget DE PASCAL VU WOOLTZ!
Alle Infos zum Kein Bock auf Nazis Festival Kusel findet ihr auf www.kban-festival-kusel.de.