
© David Wilson Photography
„Mythos: Ragnarök“ – die Show ist live am 06.10.2026 im Posthof in Linz und am 07.10.2026 im Gasometer in Wien zu sehen. Infos und Tickets gibt es unter diesem Link.
SLAM: Wie ist die Idee zu „Mythos: Ragnarök“ entstanden? Und wie kam es dazu, nordische Mythologie mit professionellem Wrestling zu verbinden?
Ed Gamester: Die einfachste Antwort ist: Ich war professioneller Wrestler und Stuntman und hatte gleichzeitig schon mein ganzes Leben lang eine große Leidenschaft für die nordische Mythologie. Ich wollte die nordischen Mythen mit Menschen von heute teilen – auch mit jenen, die vielleicht gar keinen Zugang mehr zu diesen Geschichten haben. Gleichzeitig wollte ich zeigen, was ich als professioneller Wrestler gelernt hatte, und Wrestling als eine Form des Geschichtenerzählens präsentieren, die das Publikum vielleicht auf eine andere Art zu schätzen weiß, als es das traditionelle Wrestling im Fernsehen vermittelt. Ich hatte also zwei Ziele: die Mythologie lebendig zu halten und gleichzeitig etwas Neues mit professionellem Wrestling zu machen. Wenn man sich lange genug mit Wrestling und mit diesen Mythen beschäftigt, fallen die Parallelen sehr schnell auf. Da sind diese gottähnlichen Figuren, die in großen körperlichen Konflikten aufeinandertreffen und über Macht, Reichtum und Einfluss streiten. Wenn man etwa Odin mit Vince McMahon oder Loki mit Stone Cold Steve Austin vergleicht, ist die Verbindung plötzlich ziemlich offensichtlich. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Idee auf die Bühne zu bringen.
Von London nach Edinburgh
Viele kennen „Mythos: Ragnarök“ durch die Aufführungen beim Edinburgh Fringe. Dort hat die Show offenbar eine wichtige Entwicklung genommen.
Tatsächlich begann alles nicht in Edinburgh, sondern in einem kleinen Londoner Theater namens „The Cockpit“. Dort habe ich die Show im Dezember 2021 erstmals aufgeführt. Danach gab es dort noch einige weitere Vorstellungen, bevor wir zum Fringe Festival kamen. Die ursprüngliche Version war eine etwa zweistündige Theaterproduktion. In Edinburgh hatten wir dagegen nur 70 Minuten zur Verfügung. Ich musste die Show deshalb massiv kürzen und auf ein Festivalformat bringen. Für mich war das aber sehr wertvoll, weil „Mythos: Ragnarök“ mein Debüt als Theaterautor war. Dadurch, dass ich gezwungen war, fast die Hälfte des Materials herauszunehmen, habe ich gelernt, mich auf die wirklich wichtigen Elemente des Geschichtenerzählens zu konzentrieren und mich nicht zu sehr in Details zu verlieren. Die nordische Mythologie ist schließlich riesig. Es gibt unglaublich viele Geschichten, die man erzählen könnte. Man muss deshalb sehr genau auswählen.

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Theater, Konzerthalle oder Club?
Die Show wird inzwischen auch an Orten aufgeführt, die eher für Konzerte oder Live-Musik bekannt sind. Wie funktioniert das mit dem Publikum?
Das hängt vom Veranstaltungsort ab. Ich bin mit dem Konzept sehr flexibel. Meistens sitzt das Publikum, einfach weil die Show relativ lang ist. Theater hat allerdings den Ruf, eher etwas für ein älteres oder bürgerlicheres Publikum zu sein. Ein großer Teil unseres Publikums ist dagegen jünger und würde vielleicht eher zu einem Konzert gehen als ins Theater. Deshalb treten wir häufig in Clubs oder Live-Musik-Locations auf. Dort fühlen sich jüngere Menschen wohl und können sich den Eintritt oft auch eher leisten. Theater haben aus verschiedenen Gründen – unter anderem wegen der hohen laufenden Kosten – häufig höhere Ticketpreise. Ich möchte deshalb möglichst flexibel sein und die Show dorthin bringen, wo möglichst viele Menschen sie erleben können. Angefangen hat das Ganze aber definitiv als Theaterproduktion.
Die Mythologie als Einstieg ins Wrestling
Wie reagieren die Menschen in verschiedenen Ländern auf die Kombination aus Mythologie und Wrestling? Ist Wrestling überall gleichermaßen bekannt?
In Europa – und sogar in Großbritannien – ist es meistens die Mythologie und das kulturelle Element der Show, das die Menschen überhaupt erst dazu bringt, eine Vorstellung zu besuchen. Wrestling-Fans kommen natürlich, wenn sie davon erfahren, weil es nicht besonders viele Angebote für Wrestling-Fans gibt. Aber viel häufiger ist es so, dass wir Menschen über die Mythologie erreichen und sie anschließend ein neues Verständnis und eine Wertschätzung für Wrestling entwickeln. Das ist auch eines der Ziele der Show: zu zeigen, was Wrestling wirklich ist. Viele Menschen verstehen das nämlich nicht. Sie kennen Wrestling aus dem Fernsehen und vor allem aus amerikanischen Produktionen, aber sie sehen nicht unbedingt die darstellerische und erzählerische Seite dahinter. Wenn man zu stark über das Wrestling spricht, kann das Menschen sogar abschrecken. Viele denken dann, dass die Show wahrscheinlich nicht besonders gut sein wird. Wenn sie professionelles Wrestling aber einmal live erleben, gehen die meisten mit dem Gefühl nach Hause, dass es ihnen überraschend gut gefallen hat. Und viele möchten anschließend mehr davon sehen. Eine meiner Ambitionen mit „Mythos: Ragnarök“ ist deshalb, Wrestling Menschen näherzubringen, die bisher überhaupt keinen Zugang dazu hatten.

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Von Odin zu Loki
Du selbst spielst inzwischen Loki. Zuvor hast du Odin gespielt. Wie kam es zu diesem Wechsel?
Ich habe ungefähr zwei Jahre lang Odin gespielt – ich glaube, bei etwa 150 Vorstellungen. Das hatte ursprünglich einen ganz praktischen Grund. Die erste Version der Show war stark auf das Erzählen der Geschichte ausgerichtet. Da ich die Show selbst geschrieben und das Ensemble von Grund auf zusammengestellt hatte, wusste ich, dass ich mich auf meine eigene Fähigkeit als Erzähler verlassen konnte. Odin war innerhalb der Show der wichtigste Erzähler. Wenn ich Odin spielte, konnte ich die Produktion also um mich herum aufbauen, selbst wenn ich zunächst keine anderen Schauspieler fand, die genauso gut erzählen konnten. Mit dem Wachstum der Show wurden die anderen Darsteller sicherer. Sie konnten zunehmend mehr schauspielerische Aufgaben übernehmen, und ich musste weniger erzählen. Dadurch begann die Show, ein eigenes Leben zu entwickeln. Allerdings ist es sehr schwierig, Menschen zu finden, die gleichzeitig schauspielern und wrestlen können, für eine Tournee zur Verfügung stehen und außerdem zu den jeweiligen Figuren passen. Sie müssen schließlich auch so wirken, wie man sich diese nordischen Götter vorstellen könnte. Es gibt nicht besonders viele Menschen, die all diese Voraussetzungen erfüllen. Vor einigen Jahren konnte zunächst der Schauspieler, der Loki spielte, nicht mit uns auf Tour gehen. Auch der zweite Schauspieler, der Loki übernommen hatte, war nicht verfügbar. Wir hatten also zwei Möglichkeiten: eine dritte Person für Loki zu finden oder jemanden zu finden, der meine Rolle als Odin übernehmen konnte. Glücklicherweise haben wir inzwischen einen großartigen Darsteller für Odin. Er ist der Rolle sehr verbunden und spielt sie mittlerweile seit zwei Jahren. Deshalb bin ich bei Loki geblieben.
Warum Loki?
Was bedeutet die Rolle des Loki für dich persönlich?
Odin und Loki sprechen unterschiedliche Seiten meiner bisherigen Erfahrungen als Performer an. Loki ist die komische Figur der Show. Er sorgt für die humorvollen Momente, ist aber gleichzeitig auch der Protagonist – also die Figur, mit der das Publikum mitfiebern soll. Ich habe selbst einen Hintergrund in Live-Comedy und Musik und fühle mich deshalb in dieser Rolle sehr wohl. „Mythos: Ragnarök“ ist überhaupt eine sehr humorvolle Show. Ich bin Comedy-Autor und habe sie deshalb von Anfang an so geschrieben, dass sie lustig ist. Auch bei der Aufführung ist mir der Humor sehr wichtig. Als ich noch Odin gespielt habe, konnte ich dagegen stärker auf meine Fähigkeiten als Erzähler und auf mein Wissen über die Mythologie zurückgreifen. Keine der beiden Rollen war für mich deshalb wirklich leichter oder schwieriger. Sie verlangen einfach unterschiedliche Fähigkeiten und unterschiedliche Seiten meiner Persönlichkeit. Und ich glaube, beide Rollen sind beim Publikum ähnlich gut angekommen. Mir wurde jedenfalls nie gesagt, dass ich als Odin oder als Loki eindeutig besser gewesen sei. Die Menschen haben ihre persönlichen Vorlieben, aber insgesamt hält sich das ziemlich die Waage.
Eine Show, die sich ständig weiterentwickelt
Die Show hat sich seit ihren Anfängen stark verändert. Wird sie sich weiterentwickeln oder ist irgendwann eine zweite Geschichte geplant?
Beides. Bis Ende dieses Jahres wird „Mythos: Ragnarök“ voraussichtlich in ungefähr zehn Ländern aufgeführt worden sein. Wir hoffen außerdem, eine amerikanische Version der Show aufzubauen. Das könnte wiederum eine ganz eigene Entwicklung nehmen. Dasselbe gilt für Australien. Der Name „Mythos: Ragnarök“ kommt daher, dass Mythos als Reihe gedacht ist. „Ragnarök“ ist die erste Produktion dieser Reihe. Ich möchte im kommenden Jahr eine weitere Produktion entwickeln, die auf der griechischen Mythologie basiert. Das ist gerade besonders interessant, weil griechische Mythologie momentan sehr populär ist. Dass das mit der aktuellen Aufmerksamkeit rund um die Odyssee so gut zusammenpasst, war allerdings eher glückliches Timing.
Gemeinsam mit dem Publikum wachsen
Wird die nächste Produktion ähnlich entstehen wie „Ragnarök“?
Ja. „Ragnarök“ wurde nicht auf traditionelle Weise produziert. Wir haben die Show nicht einfach geschrieben, produziert und anschließend unverändert gelassen. Sie hat sich über fünf Jahre entwickelt – abhängig von den Schauspielern, den finanziellen Möglichkeiten und den Ressourcen, die uns zur Verfügung standen. Die Show gehört vollständig mir. Und wie viele Ressourcen ich jeweils zur Verfügung habe, beeinflusst natürlich auch, wie groß und aufwendig die Produktion sein kann. Ich gehe deshalb davon aus, dass auch die nächste Show, die wir wahrscheinlich Anfang kommenden Jahres beginnen werden, auf ähnliche Weise entsteht. Sie wird zunächst klein sein. Wir werden Dinge ausprobieren und sie anschließend ganz natürlich weiterentwickeln. Natürlich könnten wir versuchen, Investoren zu finden und von Anfang an Hunderttausende Euro in die Produktion zu stecken. Aber ich glaube, die Theaterbranche macht das teilweise zu oft. Wir erleben immer wieder große Musicals am Broadway, die mit Budgets von zehn Millionen Dollar starten und nach zwei Wochen wieder schließen. Sie wurden von oben nach unten entwickelt: Man nimmt an, was das Publikum sehen möchte, liegt damit möglicherweise falsch – und dann ist es zu spät, noch etwas zu ändern. Ich glaube, einer der Gründe dafür, dass unsere Show so gut funktioniert und hoffentlich noch lange bestehen wird, ist, dass wir sie gemeinsam mit unserem Publikum entwickelt haben.

© Andrea Klem
Mehr als 20.000 Gespräche mit dem Publikum
Wie genau bekommt ihr dieses Feedback?
Nach jeder einzelnen Vorstellung gehe ich hinaus und spreche mit den Menschen. Mittlerweile haben wir mehr als 240 Vorstellungen gespielt. Ich spreche mindestens mit 100 Menschen pro Abend darüber, was sie von der Show halten. Insgesamt habe ich inzwischen mit weit über 20.000 Menschen über ihre Eindrücke gesprochen – mit Menschen unterschiedlichen Alters und mit ganz unterschiedlichen Meinungen. Ich höre mir an, was ihnen gefallen hat und was nicht, und passe die Show entsprechend an. Ich denke deshalb, dass auch die nächste Produktion ähnlich entstehen wird. Wir werden wahrscheinlich etwas stärker starten als damals bei „Ragnarök“, weil wir inzwischen ein Set, ein Ensemble und viel Erfahrung haben. Aber das Grundprinzip bleibt gleich: Wir beginnen relativ einfach, bringen die Show zum Fringe Festival, beobachten die Reaktionen des Publikums und entwickeln sie von dort aus weiter. Wir wissen inzwischen sehr genau, wie unser Publikum reagiert. Und das ist ein großer Vorteil.
Der nächste Schritt
„Mythos: Ragnarök“ soll damit nicht das Ende, sondern der Auftakt einer größeren Reihe sein. Nach der nordischen Mythologie möchte Ed Gamester als Nächstes die griechische Mythologie aufgreifen – wiederum mit der Absicht, klassische Geschichten mit modernen Formen des Entertainments zu verbinden. Die Grundidee bleibt dabei dieselbe: nicht nur eine fertige Show für ein Publikum zu produzieren, sondern sie gemeinsam mit diesem Publikum wachsen zu lassen.
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