Tatsächlich gelingt es Lou auch die Mutter für sich zu gewinnen, obwohl er in allen Fragen bezüglich des Verhältnisses zwischen ihm und dem verstorbenen Gatten vage bleibt. Was für die Familie Barnes zu keiner Zeit ein Problem darstellt, ist anderen Bewohnern des Orts ein Dorn im Auge. Hinter der großen Sorge um eine Familie, die ihrer Männer beraubt wurde, verbirgt sich ein ganz anderer Beweggrund, warum man dem Fremden feindselig gegenübersteht – eine Einstellung, die sich im Zweifelsfall als tödlich erweisen kann.
Wenn es darum geht, ein Markenzeichen für "Midnight Tales" zu formulieren, kommt einem unweigerlich das Wort "innovativ" in den Sinn und im zweiten Schritt "unerwartet" sowie "unberechenbar". In der Vergangenheit war dies häufig dem ungewöhnlichen Plot geschuldet, im vorliegenden Fall bemüht man jedoch ein sehr klassisches Horrorthema, das spannend erzählt wird. Tatsächlich glückt es auch hier, einem bekannten Stoff eine eigene Note hinzuzufügen, die sich problemlos als typisch für die Reihe identifizieren lässt. Die Handlung bewegt sich auf zwei Zeitachsen, wobei Contendo dem Hörer nicht sofort offenbart, welche vor der anderen liegt, schon allein aus diesem Umstand gelingt es Neugier zu wecken, die bis zum Ende nicht versiegt.
Natürlich ist dem Kenner der Materie bereits nach wenigen Minuten bewusst, welche Richtung die Geschichte nimmt, und genau in jenem Moment, in dem sich der umtriebige Fan mit einem Grinsen zurücklehnt und "kenne ich" denkt, kommt der unerwartete Turnaround, der die Story ausmacht und als eine gelungene Folge der "Midnight Tales" ausweist. Die Dialoge sind auch in diesem Fall ein großer Pluspunkt der gesamten Produktion und bewegen sich durchweg auf einem überzeugenden und authentischen Niveau. Horror und Spannung halten sich lange Zeit in einem feinen Gleichgewicht, das die Episode zu etwas Besonderem macht.
Die musikalische Gestaltung konzentriert sich auf Kompositionen, die die Dramatik betonen und die Spannung unterstützen, in jeder Szene fügen sie sich harmonisch und organisch ins Geschehen ein. Die Soundeffekte wissen zu gefallen, die Dialoge an den richtigen Stellen zu untermalen und die vorherrschende Szenerie zu betonen. Immer wieder hat Contendo großes Fingerspitzengefühl bewiesen, wenn es um die Besetzung der Rollen geht, "Noir" macht dabei keine Ausnahme. Lutz Mackensy wurde eine vielschichtige und fordernde Rolle auf den Leib geschrieben, die ohne Wenn und Aber bis zur letzten Minute eindrucksvoll mit Leben erfüllt wird. An seiner Seite agieren in weiteren Rollen nicht minder überzeugend Michael-Che Koch, Rieke Werner, Anja Gräfenstein und Andreas Sartorius. Eine weitere gelungene Folge innerhalb einer mit Highlights gespickten Hörspielreihe.
# # # Justus Baier # # #
Publisher: Contendo Media





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