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Snow, Glass, Apples

Die Brüder Grimm würden wohl im Grab rotieren ob Neil Gaimans wunderbar morbider Fassung von "Schneewittchen", die das Täter-Opfer-Verhältnis auf den Kopf stellt.

Snow, Glass, Apples"Now how do you like them apples?"
("Jay and Silent Bob Strike Back")


Es ist nahezu auszuschließen, dass es in unseren Breiten Menschen gibt, die noch nie in irgendeiner Form mit den Stoffen der erstmals 1812 herausgegebenen Märchensammlung von Jacob und Wilhelm Grimm in Berührung gekommen sind. Zu groß ist nämlich nicht nur die Anzahl an darin enthaltenen klassischen Erzählungen, sondern auch die längst unüberschaubaren Bearbeitungen für alle erdenklichen Medien, die sie erfahren haben. In Bezug auf "Schneewittchen" reihte sich 1994 auch Neil Gaiman in die lange Liste an Schriftstellern ein, die sich einem der Stoffe der Brüder Grimm widmeten, und zwar mit der Kurzgeschichte "Snow, Glass, Apples", die zugunsten des Comic Book Legal Defense Fund erschien. Mehr als passend, wie sich nach der Lektüre zeigt.


2019 setzte sie Colleen Doran ("A Distant Soil") in einer Graphic Novel um, die prompt einen Eisner Award abräumte und hierzulande bei Splitter erschienen ist. Darin bekommen die Leser eine Variation der aus Kindertagen bestens bekannten Geschichte präsentiert, die aus der Perspektive von Schneewittchens Stiefmutter erzählt wird. Die ist jedoch gar nicht so böse, sondern sieht keine andere Möglichkeit, um sich der vampirischen Neigungen der jungen Dame zu erwehren, als dieser das Herz zu rauben. Nicht in übertragenem Sinne, sondern wortwörtlich! Als auch das nichts nützt, greift sie schließlich zu den vergifteten Äpfeln, um das Problem zu lösen, das sogar schon das wirtschaftliche Leben ihres Königsreichs negativ beeinflusst.


Der Anhängerschaft des guten alten Happy Ends sei versichert, dass es ein solches natürlich gibt, wenngleich eines von perfider Natur. Neil Gaimans alternativer Lauf der (Märchen)Geschichte ist von charmanter Düsternis und aufgeladen mit sexueller Spannung, Colleen Dorans Artwork eine wahre Augenweide, die auf starre Panelgrenzen weitgehend verzichtet, fließende Übergänge zwischen den Bildern schafft und sich dadurch von den Konventionen eines Comics eben hin zu denen klassischer Illustrationen in Märchenbüchern bewegt. Erwachsene werden hier jede Menge Freude haben – denn in Kinderhände gehört dieser tolle Band definitiv nicht. Aber er lässt auf jeder Seite den expliziteren, raueren Charakter so mancher volkstümlicher Erzählung erahnen, bevor sie den bildungsbürgerlichen Weichspüler der Grimms durchlief…


 
# # # Andreas Grabenschweiger # # #



Publisher: Splitter Verlag




 


 
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