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SLAM #107 mit Interviews und Storys zu SONS OF APOLLO +++ MIDNIGHT +++ TRAIL OF DEAD +++ KOPFECHO +++ RAISED FIST +++ BOHREN & DER CLUB OF GORE +++ MONO INC. +++ FOLKSHILFE +++ APOCALYPTICA +++ u.v.m. +++ plus CD mit 10 Tracks! Jetzt am Kiosk!

THE LIBERTINES


"Und jetzt haben wir zum ersten Mal viel Zeit in einem Majorstudio verbracht."

libertines1a / Zum Vergrößern auf das Bild klickenAuf das Interviewbombardement der letzten Wochen reagieren die LIBERTINES abwehrend. Obwohl man anfänglich versucht hat, durch Ehrlichkeit und viel Dialog zwischen Presse und Band der Welt nichts vorzuenthalten um somit Verständnis für die momentane Situation zu schaffen, hat die Band einen Tiefpunkt erreicht. Sie wollen nicht mehr reden, nicht mehr von der Presse respektlos zerlegt werden. Die gestrige Nacht, die bis in die Morgenstunden gedauert hat, dient als willkommene Ausrede für Carl, der zweite Frontmann und Hauptdarsteller, um alle Pressetermine an dem Tag abzusagen. Stattdessen springt Gary, der Drummer, für ihn ein. Er betritt müde, aber wie immer gut gelaunt das Hotelzimmer. Hier das unaufgeregte, menschliche Gespräch über die Band, um die derzeit erregte Hysterie herrscht. Ein Gespräch, bei dem die skandalösen Themen und Fragen bewusst ausgelassen wurden.

Zuerst möchte ich über das Album reden. Euer Album bleibt so oft unerwähnt.

Stimmt. Oh nein, gestern oder so war ein Typ von einem Collegeradio, der hat auch übers Album geredet. (lacht)

Verglichen mit „Up the Bracket“ ist dieses Album viel zerrissener, psychedelischer. Habt ihr wirklich irgendeine Idee gehabt, als ihr es aufgenommen habt oder war es eher: „We have to record it. Dead or alive.“?

Nein, es war nicht wirklich so, dass wir es dead or alive aufnehmen mussten. Es war schon ziemlich klar... Ein Tag wurde fixiert. Entscheidungen wurden getroffen. Und wir waren uns alle einig, dass wir es machen wollen. Wir bestimmen unser eigenes Schicksal. Bis auf das Artwork mischt sich die Plattenfirma nicht wirklich ein. Für mich also liegt der Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Album darin, dass wir das erste in den Rak Studios aufgenommen haben. Und jetzt haben wir zum ersten Mal viel Zeit in einem Majorstudio verbracht. Ich komme also durch die Türe und den ersten den ich sehe, ist Micky Most, der Produzentenmogul der 60iger und 70iger Jahre. Mick Jones hat uns unserem Assistant Engineer vorgestellt. Wir hatten noch nie zuvor einen Assistant Engineer. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was so ein Typ überhaupt macht. Es war also eine ganz neue Welt für uns. Es hat uns echt beeindruckt. Also haben wir einige Zeit gebraucht, um zu lernen, wie wir überhaupt damit umgehen sollten. Beim ersten Album hatten wir viel Material, das wir über die Jahre oft gespielt hatten. Diesmal waren wir zwar Veteranen und keine Rookies mehr, hatten aber kein Material. Unsere Zeit war sehr limitiert. Wir hatten gerade mal zwei Wochen.

Wieso nur so wenig Zeit?

Mick Jones hat ein Kind erwartet. Also nicht er…du weißt schon was ich meine. Nachdem dann das Kind da war, kam Mick Jones zurück und mischte das Album gemeinsam mit Bill Price. Der Zugang war also insofern der gleiche, dass Mick Jones mit seinem Bier und der Zigarette im Mund wild herumgetanzt und laut geschrieen hat: Do it again! Dann haben wir es noch mal gemacht und zurückgeschrien: We like that one! Dann sind wir alle in die Regie gegangen und haben mit Bill an irgendwelchen Knöpfen herumgespielt. Soweit haben sich die Aufnahmen vom ersten Album nicht unterschieden. Nur… was das kontinuierliche Spielen von Anfang bis Ende betrifft, das haben wir nicht hingekriegt. Weil wir einfach nicht wussten, was wir spielen. Und ich nehme an, dass es deswegen für dich irgendwie psychedelisch und experimentell geklungen hat. Denn genau das haben wir gemacht: experimentiert.

Arbeit macht frei. Ein Slogan der schreckliche Assoziationen und Erinnerungen auslöst. Ich habe diesen Song einem österreichischen Freund vorgespielt, weil ich ihn so gut gefunden habe. Er war sehr schockiert über den Titel. Wir haben lange darüber geredet und es hat einige Zeit gebraucht, bis er die Ironie dahinter verstanden hat. Ich weiß nicht, ob ihr diesen Song in einem deutschsprachigen Land gespielt habt. Mir wird trotzdem schlecht bei dem Gedanken daran, Hunderte von Deutschen „Arbeit macht frei“ schreien zu hören.

(denkt nach) Ja…ich weiß. Ja. Betrachte es mal von meinem Standpunkt aus. Stell dir vor, ich stehe inmitten einer Gruppe von Typen, die fröhlich vor sich hinsingen: „He doesn’t like blacks or queers. (Er mag keine Schwarzen und Schwule)“. Man könnte es bestimmt als Herabwürdigung meiner Person sehen… bis zu einem gewissen Grad. Es hängt natürlich vom Rezipienten ab und wie er diese angeblich abschätzigen Worte, Kommentare und Phrasen in sich aufnimmt. Ich sehe es überhaupt nicht als Herabwürdigung an. Arbeit macht frei ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album.

Sicher wollt ihr, dass euer Album ein Erfolg wird. Und natürlich müsst ihr eben deswegen auch viel Promotion machen. Gleichzeitig arbeiten aber die Medien gegen euch. Sie verkaufen diesen ganzen melodramatischen Scheiß und die Musik interessiert wirklich niemanden. Keiner nimmt euch mehr ernst. Ihr seid nur noch mehr die wahnsinnigen Typen aus London und jeder schreit: sell out! Ich stell mir vor, dass das für die Band unglaublich unbefriedigend sein muss.

Es ist verunsichernd. Letzte Woche zum Beispiel waren wir Nr. 1 in den Charts. Und weil wir vier Pete, Carl John und ich nicht zusammen waren, konnten wir es auch nicht feiern. James Endeacott ist reingekommen, hat mich umarmt und gratulierte mir. Ich hab nur gemeint: Yeah, big deal. Es erinnert mich an letztes Jahr, als wir gerade in Amerika auf Tour waren und unsere Single in die Top five eingestiegen ist. Pete war wieder nicht dabei. Wir bekamen einen Anruf, und ich meinte zu den Jungs: Hey, wir sind in den Top 5. Sie antworteten nur: Oh, alright! Ich bin dann Frühstück holen gegangen und das war dann auch das Ende unserer Feier. Weißt du, das Ganze wurde nämlich von uns vieren geschaffen. Und wenn etwas Gutes passiert, das mit dem Namen The Libertines zu tun hat, dann sollten wir das alle gemeinsam feiern. Aber ich weiß nicht, ob es so was wie schlechte Presse gibt. Immerhin haben wir in einer Woche mehr Alben verkauft als mit dem letzten Album in einem Jahr. Und es ermöglicht uns mehr zu spielen und so mehr Leute für unsere Musik zu interessieren. Aber du hast schon Recht. Nicht um jeden Preis. Viele kommen, um die Verrückten zu sehen. Den Wahnsinn des King Georges. Ich persönlich lese diese Presse nicht.

Also hast du gelernt, mit dem Medienmonster umzugehen.

Ja. Sehr persönlich sogar. Letztes oder vorletztes Jahr ist ein neues Magazin erschienen, X-Ray. Und anstelle, dass sie unser erstes Album rezensieren, war das einfach nur ein persönlicher Angriff auf meine Person. Dass ich scheiße spiele, rhythmisch total schlecht, die Tempos wären total daneben. Und ich hatte natürlich keine Ahnung von diesem Artikel. Wir haben an dem Tag SUPERGRASS supportet und alle haben mich ständig gefragt, ob ich dieses X-Ray-Magazin schon gelesen hätte. Ich habe natürlich nein gesagt und dann kam nur ein: Ach, egal. Mach dir keine Sorgen. Ist nicht so wichtig. Als ich es dann gelesen habe, hab ich nur „Oh mein Gott“ gedacht. Und die nächsten Shows waren die Hölle. Ich hab immer daran denken müssen. Es war schrecklich. Und noch dazu waren überall diese X-Ray Poster aufgehängt. Ich hab natürlich gedacht, dass das jetzt jeder gelesen hat und dass mich jeder scheiße findet. Nach einiger Zeit hab ich mich dann gefragt: Ist es mir überhaupt wichtig, was die anderen von mir denken? Ich spiele nicht für „die anderen“ in dieser Band. Ich mache das nur für mich. Nach einiger Zeit hab ich das Ganze dann vergessen. Am Wichtigsten ist, dass ich glücklich bin. Und genau das versuche ich Carl, John und jetzt auch Anthony zu erklären. Denn wenn wir keinen Spaß auf der Bühne haben, wie sollen wir dann den Leuten unsere Musik näher bringen. Vor allem in England ist es hart, aber auch letzte Nacht in Berlin gab es ein paar Jungs, die geglaubt haben, sie sind sehr punky und libertiny, wenn sie „Pete, Pete“ schreien. Wir brauchen das echt nicht. Uns wäre nichts lieber als mit Pete zusammen zu spielen. Du weißt, dass er abhängig ist und Drogen nimmt. Er möchte jetzt alleine sein Ding machen. Er denkt nicht an uns. Aber er muss das jetzt durchmachen. Das ist eine Reise, die er machen muss. Und wenn er weiß, was er wirklich will und sich hoffentlich auch richtig entscheidet, dann wird er auch wieder auf dem richtigen Weg sein. Das ist einfach so. Wir brauchen aber niemanden, der uns ständig daran erinnert, dass er nicht bei uns ist.

Ihr konzentriert euch jetzt auch alle auf andere Dinge, Nebenprojekte etc. John hat seine Band Yeti, Carl hat gemeinsam mit anderen Künstlern diesen grauenvollen Football Song gemacht „Football’s coming home“…

(lacht) Ja, allerdings. Er weiß auch, dass es ein Scheiß war…

Er macht auch diesen Club in London und du hast Drums bei den NEW YORK DOLLS gespielt.

Ja, das war echt großartig. Ich hab auch mit meinem jüngeren Bruder beim Artsfestival in England ein improvisiertes Percussion-Duett gespielt. War unglaublich gut. Er spielt besser als ich. (lacht)

Alan McGee ist euer neuer Manager. Wieso habt ihr euch eigentlich von Banny getrennt?

Ich liebe Alan McGee. Ich bin 100% zufrieden mit ihm. Versteh mich nicht falsch, Banny Pootchi ist eine großartige Frau. Aber sie war eine one man band. Und jetzt ist nicht die Zeit für eine one man band. Es gibt so viel zu tun. Das Presseinteresse ist so groß. So viele Reisen, Gigs…Einfach zu viel für eine Person, vor allem wenn es gilt vier Leute zu betreuen, die alle irgendwie viel Aufmerksamkeit brauchen. Sie wollte es aber alleine machen. Das hat dann einfach zu viel Stress im Lager bedeutet. Sie hat auch versucht uns in eine bestimmte Richtung zu pressen. Sie hat irgendwie dieses Malcom McDonald Ding machen wollen…oder wie auch immer der Typ heißt…

MALCOM MCLAREN.

(lacht) Ja, genau den mein ich. Und das hat einfach nicht funktioniert. Und dann haben wir eben Alan getroffen. Du kennst doch seinen Club. Er ist einfach ein großartiger Typ.

Gary, sind die LIBERTINES die wichtigste Band unserer Generation?

(gespielt ernst) Ja. Keine Ahnung! Komm schon. (lacht) Was soll ich dazu sagen. Wer auch immer dieses Statement aufgebraucht hat, ist entweder ein Zeitreisender oder Gedankenleser. Reden wir wieder in zehn Jahren.

Die LIBERTINES sind …

Eine Band mit ein paar Jungs, die gerne Musik spielen.
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