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SLAM #107 mit Interviews und Storys zu SONS OF APOLLO +++ MIDNIGHT +++ TRAIL OF DEAD +++ KOPFECHO +++ RAISED FIST +++ BOHREN & DER CLUB OF GORE +++ MONO INC. +++ FOLKSHILFE +++ APOCALYPTICA +++ u.v.m. +++ plus CD mit 10 Tracks! Jetzt am Kiosk!

IAMX

Grau in Innsbruck, schillernd im Treibhaus. 2004, nach Veröffentlichung des Debütalbums von IAMX, hat uns Chris Corner ein weiteres SNEAKER PIMPS-Werk versprochen.
Nun, zwei Jahre und einen Umzug nach Berlin später, gibt es statt dessen den Nachfolger zu „IAMX“ – „The Alternative“ und die PIMPS haben nach wie vor den „Han Solo on the rocks“-Status inne.
Ich stehe, pünktlich auf die Minute, in einer Hotellobby in Innbruck. Außer mir befindet sich dort noch ein Herr mit Aufnahmegerät und Zeitung, mit dem ich nach ca. einer halben Stunde Wartezeit ein Gespräch anfange. Ein Kollege, natürlich, von der Neuen, einer Innsbrucker Tageszeitung. Insgesamt warten wir zwei Stunden, bis Chris Corner mit seinem Manager Reza auftaucht – Soundcheck. Fast alle Anwesenden sind in irgendeiner Art und Weise fertig, Chris und Reza, weil sie, wie ich, bis Mittag noch in Wien waren und weiß der Teufel was noch getrieben haben. Ich wegen Schlafmangels, Zugfahrt und weil sich das Wetter in bester österreichischer Manier asozial schwül und vorgewittrig verhält. Darum ist die Stimmung erschöpft-entspannt. Der Herr von der Neuen bekommt den Vortritt, doch als Fragen auftauchen, die ich auch vorgehabt hatte, zu stellen, darf ich das Aufnahmegerät bei der letzten Frage einschalten, um dann zu übernehmen.

Lässt du dich von anderer Musik oder eher von Filmen inspirieren?

Im Moment sind es wahrscheinlich Filme. So seltsam es erscheinen mag, ich höre fast keine Musik. Oder wenn, dann muss diese schon sehr weit weg von dem sein, was ich selber mache. Es ist wie bei jeder Arbeit, der man nachgeht…Wenn du dich jeden Tag damit beschäftigst, dann ist das Letzte, was du tun willst, wenn du dich einmal entspannen willst, Musik zu hören. Es sei denn, es handelt sich um klassische Musik oder wirklich ältere Sachen, 60er Jahre, oder etwas, das fast schon ein Hirngespinst ist, das schon fast nicht mehr in dieser Welt existiert.
Deswegen sind es wohl Filme, weil es einfach eine andere Kunstform ist, und zwar eine, die mich wirklich interessiert. Ich mache ja auch die Visuals für die Konzerte selbst. Und irgendwann würde ich auch gerne interessante kleine Filme machen.
Es muss so langweilig zu Lesen sein, diese ganze „was ist deine musikalische Inspiration“-Sache. Es gibt so Vieles, was einen inspirieren kann, warum muss es gerade Musik sein, nur weil ich selbst Musik mache, heißt das nicht, dass ich die ganze Zeit nur herumsitze und Musik höre. Vom technischen Standpunkt her muss man sich als Produzent natürlich mit anderer, und neuer, Musik auseinandersetzen. Aber das ist auch ein weiterer Grund weshalb es für mich so schwer ist, zuzuhören: Man dekonstruiert die Musik ständig. Wenn man also gerade ein Gespräch führt, und im Hintergrund spielt es auf einmal Musik, springt sofort dieser Teil des Gehirnes an, der dann zum Beispiel die Gitarrenspur oder das Schlagzeug heraushört… Das ist echt nervig. Wie Lärm… es ist ständiger Lärm. Äh, also ja, Filme.

Wechsel.

Wir haben uns schon einmal gesehen, nicht wahr.

Ja, vor zwei Jahren. Tatsächlich hab ich damals bei dem Thema genau das Gleiche wegen der Gitarrenspur und den Drums gesagt.

Tatsächlich… Nun, es ist ja auch wirklich so.

Warum die Entscheidung, die Texte nicht im Booklet abzudrucken?

Ich wollte die Struktur der Hülle ändern und… es ist so traditionell, die Texte dort drin zu haben und ich weiß, dass es für die Fans wirklich interessant ist. Aber ich plane, eine Art Buch zusammenzustellen, mit interessanten Bildern und den Texten als separates Paket, welches eher ein Kunstwerk ist als…

Illustrierte Poesie?

Ja, so ungefähr. Ich würde es gerne in dieser Form sehen und feststellen, ob es ohne die Musik ein Eigenleben hat. Ein bisschen herumprobieren. Hoffentlich werden es die Fans mögen.

Gehört das Label, auf dem IAMX ist, nineteen95, dir?

Es ist das Label des Mangements.

Ich habe nämlich bei meiner Recherche gelesen, dass du ein eigenes Label besitzt.

Ich spiele mit dem Gedanken. Früher oder später werde ich wohl mehr mit nineteen95 zu tun haben. Aber es gibt noch nichts Schriftliches. Ein weiteres Projekt.

Zurück zum Film. Wie ist das mit der Filmmusik für diese russische Produktion?

Hm, ja. Ich bin kurz davor, damit anzufangen. Wir unterhalten uns seit ca. zwei Monaten darüber. Also ja, auch eines von diesen Projekten… Der Film ist noch nicht fertig, und wir haben im Dezember darüber geredet, das zu machen, und jetzt haben sich ihre Pläne geändert, und unsere haben sich geändert... Also, es wird zwar geschehen, aber noch nicht sofort. Und nachdem die den Film noch nicht fertig gedreht haben, weiß ich noch überhaupt nicht, wie der im Endeffekt wird.

Und was für Musik wird das dann sein?

Es wird IAMX sein.

Mit Gesang oder instrumental?

Es wird wohl ein- zwei Stücke mit Text geben. Aber generell wird es mehr was Atmosphärisches, Stimmungsbetontes sein. Hoffentlich, denn das ist das, was ich gerne daraus machen würde.

Stimmt es, dass es in The Negative Sex um die männliche Macht geht?

Ähm ja, in gewisser Weise. Das ist zumindest meine Interpretation des Ganzen, das muss nicht unbedingt die einzig Wahre sein. Es geht um den ständigen Kampf, männlich zu sein. Und die Frustration, die es die meiste Zeit mit sich bringt. Ich glaube, es ist fast ein feministischer Song. Also, nicht im Sinne von „power to the sisters!“, das ist es nicht. Es ist mehr ein subtiler Feministensong. Das die leichteste Art, es zu beschreiben, natürlich spielen sich da noch andere Themen ab, äh Sex,… das Übliche.

Wie ist es, in einer Stadt zu wohnen, ohne die dort Landessprache zu sprechen? ich nehme an, du sprichst noch nicht Deutsch. Nein, noch nicht.Also, wie kommst du zurecht? Wenn du z.B. in der U-Bahn sitzt und nichts verstehst?

Genau darin liegt der Charme. Und mit einem so… unaufgeräumten Geist wie dem meinen ist es wirklich schwer, so Sachen herauszufiltern wie, zum Beispiel, wenn ich in England bin und am Nebentisch quatscht irgend so ein Idiot die ganze Zeit Blödsinn – das bringt uns wieder zu der Lärm-Sache. Es lenkt mich ab. Und das brauche ich wirklich nicht. Wenn du in einem anderen Land lebst, dann gewinnst du einen ganz neuen psychologischen Freiraum einfach dadurch, dass du die Leute nicht verstehst.

Es berührt dich nicht.

Genau. Es ist wie Kopf-in-den-Sand-stecken. Und gleichzeitig ist da das Element des Entdeckens. Ein Ziel, eine Lernmöglichkeit, es gibt immer etwas Neues, das du noch nicht kennst, noch nicht verstehst. Und dieses ständige Lernen tut mir gut. Das würde allen gut tun.

Ich habe mit ein paar Engländern geredet, die sich darüber mockieren, dass IAMX keine Konzerte in Großbritannien spielt.

In England ist es so, dass die Zeit reif sein muss. Es muss einen Grund geben, es zu machen. Weil nehmen wir einmal die ganz banale Seite des Tourens. Es ist nicht angenehm und es ist nicht interessant und es ist harte Arbeit. Es ist ein wirklich großer Unterschied, ob du dort oder in Amerika oder in Europa oder einfach irgendwo, wo der Kunstbegriff ein Anderer ist, unterwegs bist. Sprich als Musiker ist es ein Krampf und werde es nicht tun, bevor ich nicht einen triftigen Grund dazu habe. Wir planen, vielleicht eine Show im September oder so zu machen, nur eine einzige, in London. Nur für die Leute, die uns in England wirklich sehen wollen. Aber sonst habe ich kein Interesse an einer England-Tournee. Es ist ein ziemlich deprimierender Ort für sowas, all diese grauenhaften Kleinstädte und Ortschaften wie die, aus der ich komme. Momentan zieht es mich wirklich nicht dorthin zurück.

Ja, es wirkt ein bisschen sehr geschäftig drüben, als würde jeden Abend irgendwo der eigene Nachbar oder der beste Freund oder die Schwester des Cousins etc. ein Konzert geben.

Genau. Es ist übersättigt. In diesem Sinne, es muss einen guten Grund geben. Einen guten Grund, für die richtigen Leute.

Dein Singstil hat sich von „Splinter“ bis zu „The Alternative“ ziemlich geändert. Hattest du irgendwann Gesangsunterricht?

Nein. Ich hatte eine Stunde, und es war eher nervig. Der Typ hat mir nicht wirklich etwas beigebracht, das ich nicht ohnehin schon wusste. Ein paar von den Atemtechniken sind ganz praktisch, aber abgesehen davon... Ich glaube, es war für mich ganz natürlich, Singen zu Lernen und es war gut, dass ich mich da so dahinter geklemmt habe. Und ganz besonders, wenn du auf der Bühne stehst, dann musst du trainieren, weil es sonst niemanden beeindruckt. Du musst dich erst einmal selber beeindrucken können. Das bringt eine gute Lernkurve, einen Lernprozess. Und ich bin einfach die Sorte Mensch, die ständig versucht, mehr aus einer Sache herauszuholen. Ich gehe an Grenzen. Bei jedem Album sagt man sich, „ok, was haben wir das letzte Mal gemacht“ „Machen wir es diesmal anders“? Nicht unbedingt anders, aber,… höher, tiefer, seltsamer… einfach irgendwas. Um mein Interesse aufrecht zu erhalten, im Grunde genommen.

Sprich du schließt dich einfach irgendwo ein und probierst komische Sachen aus.

Yeah. Wenn du deine eigene Musik produzierst, dann hat das etwas sehr Privates, und du hast den Freiraum des Experimentierens. Wenn du hingegen ins Studio gehst und du hast dort einen Produzenten und eine Unmenge anderer Leute, Techniker und so weiter, dann ist es völlig gleich, wie selbstbewusst du bist. Du wirst immer eingeschränkt sein, weil du dich nicht völlig frei bewegen kannst und persönlich, emotional sein kannst. Ich glaube, man kann nur experimentieren, wenn man ganz alleine ist. Du kannst alles ausprobieren und dann aus den Dingen, die du gemacht hast, auswählen, welches dir am Meisten zusagt. Wenn du dazu nicht die Möglichkeit hast, wirst du immer nur das Zweit- oder Drittbeste kriegen. Weiß du, ich tue wirklich lächerliche Dinge im Studio, ich schließe mich ein und zieh mich splitternackt aus oder was auch immer, probiere einfach ALLES aus. Manche Sachen sind lächerlich, manche sind Mist, und mache sind großartig.
Eine Art Lebensphilosophie von mir ist es, Dinge falsch zu machen. Es ist ein seltsames, simples Statement, aber es fasziniert mich, Dinge einfach auf den Kopf zu stellen. Sogar wie wir, das Management, als Team arbeiten, ist sehr unabhängig und außerhalb der Musikindustrie. Diese Philosophie ist also Teil unseres Lebens.

Quasi „thinking outside the box“.

Jein – das klingt jetzt so arrogant. Es ist mehr… Alles ist möglich. Warum sich von gesellschaftlichen Regeln und Normen und so weiter einschränken lassen. Natürlich, jeder redet ständig davon, aber wenn du das einmal wirklich verstanden hast, dann gewinnst du eine ganz neue Klarheit, eine Perspektive, und hast gleich viel mehr Vertrauen in deine Arbeit. Weil du einfach sagen kannst, ok, ich mache das genau so und nicht anders. Und wenn ich einen Film drehen würde, dann würde ich den auch einfach irgendwie machen, und er wäre vielleicht scheiße, aber wenigstens hab ich es dann einmal gemacht.

Ok, letzte Frage: Song Of Imaginary Beings, geht es da um Religion, bzw. diese ganzen Mythologien und Glaubensbilder?

Was ich an dem Song so mag, ist dass es sich quasi um ein Märchen handelt, es ist ein sehr bildhafter Song. Die Idee ist es, alle diese eingebildeten Wesen, diese seltsamen Wesen, mit dem konservativen Leben dieses Mädchens zu verbinden. Es ist mit ziemlicher Sicherheit das Stück mit dem größten erzählerischen Element. Es malt Bilder. Manchmal ist es ganz angenehm, das zu machen. Das ist der textlich am meisten durchdachte Track des Albums. Er hat eine Story. Die ganzen anderen Stücke sind alle eher so aus dem Bauch heraus, und dem Herzen nach entstanden. Bei denen ging es darum, diese ganzen Gefühle auszuspeien. Hier geht es mehr um die Geschichte.
Ja, Religion. Religion interessiert mich mehr als Ideal, oder als Idee. Weil schau, das Christentum oder jede andere organisierte Religion hat nur das Ziel, Kontrolle auszuüben. Fußball ist eine Religion. Religion hat eine Menge Schlimmes verursacht und tut das auch jetzt noch. Und ich selbst bin in keinster Weise religiös.

Mein Eindruck ist, dass sich Atheisten meistens besser mit Religion auskennen als die, die sie ausüben.

Ja klar, weil sie Außenstehende sind. Man kann es dekonstruieren, weil man nicht mit den eigenen – Dogmas. – Dogmas spielt. Weißt du, ich kenne Katholiken und sie alle haben diesen Schuldkomplex, also die meisten haben einen Schuldkomplex. Und ich sehe das, weil ich nicht involviert bin. Wenn du da drin hängst, dann ist es sehr schwer, einfach zu sagen, „ok, also das ist der beschissene Teil am Katholizismus, und das ist eigentlich auch scheiße, aber eigentlich ist es das nicht, weil ich das nicht sagen darf“ – immer der Schuldkomplex.

Wenn man diese Situation auf eine profanerEbene projiziert, dann ist es ja ohnehin immer so, dass man sich nie selbst von außen sehen kann.

Ja, das ist das Hauptproblem im Leben. Man versucht ständig, sich selbst einzufangen und zu verstehen. Und ich glaube, ich bin an dem Punkt angelangt, wo ich versuche, das nicht mehr zu tun. Mich einfach treiben zu lassen und mir keinen Kopf zu machen.
Ok, ich denke, die Therapiesitzung ist beendet (lacht).

Agnes Wieninger
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Discovering all these New Levels of Ridiculousness. Ein Interview mit Wayne Coyne zu führen, ist etwas ganz Besonderes.

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