SLAM: Die Kritiken zu "Mercy On Me" sind ja, soweit sich das überblicken lässt, äußerst positiv ausgefallen. Hast du eigentlich bisher auch schon Rückmeldungen von Fans von NICK CAVE erhalten? Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen vielleicht sogar kritischer sind als der Meister selbst.
Reinhard Kleist: Bisher habe ich nur Positives gehört, was mich extrem freute. Ich habe ja bis zur Veröffentlichung nicht absehen können, ob das irgendjemand versteht, was ich da abfeuere. Gerade von Fans habe ich viel Positives gehört. Es gab aber auch einen, der es scheiße fand und das dann auch mehrfach wiederholt hat. Warum, habe ich aber nicht verstanden.
Reinhard Kleist: Nick hat mich sehr unterstützt bei der Arbeit. Er hat mir alle Freiheiten gelassen und mir großes Vertrauen entgegengebracht, was die Aufarbeitung seiner Biografie betrifft. Nur einmal hat er interveniert. Da ging es um den Unfalltod seines Vaters. Die Szene, wie ich sie geschrieben hatte, hat ihm nicht gefallen. Später ist sie komplett rausgeflogen aus dem Album. Nick hat mich auch ermuntert, lockerer mit den Fakten umzugehen. Er sagte: Du machst einen Comic, da kann man alles machen. Du kannst mich auch ins All schießen. Das habe ich dann gemacht.
SLAM: Im Interview in der Pressemappe erzählst du, dass der Rechercheaufwand für "Mercy On Me" nicht so groß war wie für deine vorangegangenen umfangreicheren Arbeiten. Da du ja wie erwähnt länger gebraucht hast, um sozusagen die passende erzählerische Gangart zu finden und ja auch von NICK CAVE Rückmeldungen eingeholt hast, klingt das trotzdem nach einer ziemlich langen Entstehungszeit. Kannst du das zeitlich ungefähr umreißen?
Reinhard Kleist: Tatsächlich gibt es gar nicht viel Material über NICK CAVE. Ich habe die paar Bücher gelesen, die es gibt und etwas Material über die Szene, zum Beispiel über die Zeit in Berlin. Dann habe ich mit ein paar Leuten gesprochen, zum Beispiel Christoph Dreher. Ich merkte aber schnell, dass es nicht das ist, was ich wollte. Ich wollte eher weg von einer Aufzählung von vermeintlichen Fakten, hin zu einer Auseinandersetzung mit dem Werk von NICK CAVE und der Bedeutung von Kunst an sich. Die erste Idee war vor über vier Jahren, dann musste ich noch ein Buch fertigstellen ("Der Traum von Olympia"; Anm. der Red.). Das Schreiben hat sehr lange gedauert, da es recht kompliziert war, was ich da wollte: Vier Erzähler, eine Reflexion über Kunst und die Rolle des Künstlers als Gott, das war alles andere als leicht zu bewältigen. In dieser Zeit ist viel Material für das Artbook entstanden: Skizzen, illustrierte Songs, Bilder, die Situationen aus seinen Songs darstellen, mit Nick als Hauptdarsteller. Das hat bestimmt ein Dreivierteljahr gedauert. Die eigentliche Zeichenarbeit hat etwa zwei Jahre gedauert. Ohne die aufopferungsvolle Mitarbeit meines Lektors Michael Groenewald und aufmunternde Mails von Nick hätte ich das nicht bewältigen können.
Reinhard Kleist: Eigentlich ist es eher Ausdruck meines Größenwahns. Ich wollte noch größer, aber mein Verlag Carlsen meinte, dass meine angestrebte Fussballtorgröße schlecht zu verkaufen wäre. Nein, es soll natürlich eine Verbindung zu dem Tonträger herstellen und Assoziationen zu den wunderbaren Schallplatten-Covers wachrufen. Ich persönlich bevorzuge Vinyl, kaufe meistens aber aus Faulheit MP3, was zulasten des ästhetischen Vergnügens geht. Man sieht das Artwork kaum.
SLAM: Dein Œuvre legt ja nahe, dass Musik für dich in kreativer Hinsicht ein wichtiges Thema ist. Jetzt einmal abgesehen von der offensichtlichen Zuneigung zu den Protagonisten deiner Musikerbiografien – was findet sich ansonsten in deiner Playlist?
Reinhard Kleist: Das variiert stark. Wenn ich zeichne, höre ich meist Musik, die nicht viel Aufmerksamkeit erfordert, Elektronik oder Pop. Hörbücher höre ich gerne, wenn ich Arbeit mache, die nicht viel Denkarbeit erfordert, Tuschen zum Beispiel. Sonst: PATTI SMITH, QUEENS OF THE STONE AGE, UNKLE, PHILIP GLASS, THE CHAMELEONS, THE AFGHAN WHIGS, RECOIL, DAVID BOWIE, GEMMA RAY…
SLAM: Was liegt eigentlich bei dir auf dem Lesestapel, sofern es sich nicht um etwas handelt, das du zur Recherche für eine deiner Arbeiten benötigst? Hast du überhaupt viel Zeit, um etwas "einfach nur so" zu lesen?
Reinhard Kleist: Doch, klar. Ich brauche auch öfter literarischen Input. Gerade lese ich PATTI SMITHs "M Train". Dann wartet Édouard Louis auf mich. "Im Herzen der Gewalt". Soll ja gut sein. Als Comic habe ich zuletzt Ralf Königs "Herbst in der Hose" gelesen. Eine humorvolle und gleichzeitig schmerzhafte Achterbahn. Ich liebe es, wie ernst er seine Figuren nimmt und man trotzdem über sie und mit ihnen lachen kann.
SLAM: Wie kann man sich einen typischen Arbeitstag von Reinhard Kleist vorstellen, falls es diesen überhaupt gibt?
Reinhard Kleist: Ins Atelier fahren, drei Runden um den Arbeitstisch schleichen, Musik auswählen, Kaffee kochen, irgendwann endlich loslegen. Sich fest vornehmen, nach dem Atelier ins Sportstudio zu gehen. Zuhause Computerarbeit machen wie Scannen, Bildbearbeitung, sozial Netzwerken. Ins Bett fallen.
SLAM: Darf man fragen – falls das nicht noch unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehüllt ist – welche Veröffentlichungen von dir in naher Zukunft anstehen beziehungsweise womit du dieser Tage beschäftigt bist, abseits deiner aktuellen Lesereise natürlich?
Reinhard Kleist: Da möchte ich noch gar nicht groß drüber reden. Ich möchte eine etwas kleinere Geschichte machen. Nicht gleich den nächsten Star. Es wird auf jeden Fall wieder eine wahre Geschichte, die sind einfach die besten.
SLAM: Coke oder Pepsi?
Reinhard Kleist: Kaffee.
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