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Comic-Review: Watchmen (Panini)

Der vielleicht wichtigste Kinofilm des Jahres basiert auf einer Graphic Novel, die als die beste aller Zeiten gehandelt wird. Zeit, ein waches Auge auf die Wächter zu werfen.
The Watchmen (c) DC Deutschland/Panini Comics / Zum Vergrößern auf das Bild klickenDas Werk, von dem hier die Rede ist, hat Comicgeschichte geschrieben, ohne Zweifel. Ladies und Gentlemen, wir sprechen hier immerhin von einem der „wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts“, um das Time Magazine zu zitieren. Erschienen 1986/87 in zwölf Ausgaben, legten Autor Alan Moore – aufmerksamen Geistern unter anderem als Verfasser von „From Hell“ oder „The League of Extraordinary Gentlemen“ ein Begriff – und Zeichner Dave Gibbons den ultimativen Abgesang auf das Superheldengenre vor. Wie wir aber sehen werden, greift dieser Erklärungsansatz aber bei weitem zu kurz.

Den Auftakt bildet eine Tatortbesichtigung. Die Polizei rätselt über den Mord an Edward Blake, seines Zeichens in die Jahre gekommener Superheld mit dem Alter Ego Comedian. Auch der geheimnisvolle, psychopathische Rorschach interessiert sich für den Fall und beginnt eigene Ermittlungen. Wie man erfährt, verbindet ihn, Blake und mehrere andere gealterte Helden die Mitgliedschaft bei den sogenannten Minutemen, einer Superheldengruppe, die während der 1940er Jahre bestand und neben ihnen so verschiedene Charaktere wie Silhouette, Silk Spectre, Hooded Justice, Captain Metropolis Nite Owl, Mothman vereinte. Seit dem „Keene-Erlass“ von 1977, durchgesetzt aufgrund eines Polizistenstreiks gegen die Präsenz der kostümierten Helden, war es schließlich nur noch jenen von ihnen, die sich der Kontrolle der Regierung unterwarfen, erlaubt ihre Tätigkeit auszuüben. Die meisten von ihnen gaben auf, lediglich der wegen Mordes gesuchte Rorschach agiert weiterhin.

Mit einem Mordversuch an einem „pensionierten“ Helden beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Verheerend für die strategische Überlegenheit der Vereinigten Staaten gegenüber der Sowjetunion in Zeiten des Wettrüstens fällt schließlich die Entscheidung Dr. Manhattan aus, die Erde zu verlassen. Ohne diesen mit gottgleichen Kräften ausgestatteten Übermenschen gerät das System der Abschreckung aus den Fugen, ein nuklearer Schlagabtausch zwischen den Supermächten scheint unausweichlich…

Natürlich ist „Watchmen“ rein äußerlich betrachtet ein Kind seiner Zeit. Auch wenn sich der historische Ablauf der Weltgeschichte bei Alan Moore etwas anders zugetragen hat, sind 1985 noch die Sowjets und der Weltkommunismus die Bösen, wird Terrorismus mit Libyen in Verbindung gebracht. Nixon ist bezeichnenderweise noch immer Präsident und hat den Vietnamkrieg gewonnen. Die Motive, die die Erzählung im Innersten zusammenhalten, sind allerdings zeitlos und aktuell wie nie zuvor. Auch in der realen Welt scheint die Regulierungs- und Kontrollwut von Vater Staat die Privatsphäre des Einzelnen kontinuierlich zu durchdringen, den „gläsernen Menschen“ von der Utopie zur Tatsache werden zu lassen.

Es gibt aber auch andere Punkte, bei denen eine Interpretation ansetzen kann. So werden in Moores Erzählung – ohne an dieser Stelle allzu viel verraten zu wollen – essentielle moralische Fragen aufgeworfen: Wiegt das Wohl der Menschheit mehr als das Leben eines einzelnen? Wer darf sich anmaßen darüber zu richten? Was definiert eine moralische Instanz?

Eingebettet ist die epische Geschichte in ein Storytelling, das mit fließenden Übergängen die einzelnen Handlungsstränge verbindet und souverän auf das Finale hinarbeitet. Von den zahlreichen Anspielungen, seien sie philosophischer, geschichts- oder naturwissenschaftlicher Natur, gar nicht zu reden. Moore mixt entheroisierte Helden mit einer entmenschlichten Umwelt aus Kriegsparanoia, Vernichtungsangst, Orwell’schem Überwachungsstaat, der Unberechenbarkeit menschlichen Handelns, Zitaten aus Weltliteratur, Medienkritik und den vielfältigen Ausprägungen von Gewalt.

Bei diesem von Dave Gibbons hervorragend illustriertem Opus Magnum, dass von Panini auf deutsch neu aufgelegt, liebevoll editiert und mit Zusatzmaterial ausgestattet wurde, kann beruhigt gesagt werden: Wer nur einmal im Leben eine Graphic Novel liest, sollte diese wählen!


# # # Andreas Grabenschweiger # # #
 
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