Seine Leben ist eine einzige andauernde Qual. Sein auf groteske Art deformierter Körper zwingt John Merrick zu einem Dasein als Attraktion einer schmierigen Jahrmarktstruppe. Doch selbst unter jenen, die am Rande der Gesellschaft existieren, ist er ein Ausgestoßener. Angepriesen als der Elefantenmensch, dient er als einfache Möglichkeit, dem skrupellosen Robert Noakes die Taschen zu füllen. Als die Schaustellertruppe in London gastiert, wird der Mediziner Dr. Frederick Treves durch einen Zufall auf den jungen Mann aufmerksam und erkennt die sensible Seele, die sich hinter dem entstellten Äußeren verbirgt. Doch bevor der Londoner Arzt gegen die Freakshow vorgehen kann, um Merrick aus den menschenunwürdigen Verhältnissen zu befreien, ist Noakes mit seiner Attraktion bereits weitergezogen.Schnell verlässt man das Land und begibt sich auf eine Tournee auf den Kontinent. Doch die Reise steht unter keinem guten Stern, schnell spricht sich herum, mit welch grauenvollem Höhepunkt Noakes sein Publikum zu unterhalten gedenkt. Der geplante Triumphzug verkommt zu einer Odyssee quer durch Europa, am Rande des Verhungerns. In zunehmenden Maß wird der Elefantenmensch zu einer Last für den Chef der Schausteller. John Merrick muss um sein Leben fürchten. Sicherheit gibt es für ihn nur, wenn es ihm gelingt, nach England zurückzukehren.
Verdammt, das kann nicht mit rechten Dingen zu gehen, vier bisher veröffentlichte Folgen und gleich vier Volltreffer. Eigentlich schwer vorstellbar, denn bei allen Folgen greift man auf klassische Stoffe zurück, die bereits mehr als einmal vertont wurden. Doch genau dort trennt sich die Spreu vom Weizen. Wenn es einem Label gelingt, gegen die doch große Konkurrenz zu bestehen, muss das Produkt aus der Masse hervorragen, und so viel sei bereits an dieser Stelle verraten, das macht auch diese Folge ohne jede Einschränkung. Zum zweiten Mal greift man nun auch auf wahre Begebenheiten zurück, die auf geschickte Art mit den bisherigen Veröffentlichungen in Verbindung gebracht werden.
Allerdings sollte man bei dieser Folge im Auge behalten, dass der Begriff "Meister der Angst" weitgreifender ist als man zunächst vermutet. Nicht nur Horror- und Gruselliteratur können unter diesem Titel firmieren, sondern auch Tragödien wie die Lebensgeschichte eines John Merrick. Ein Mann, der zeit seines Lebens unter den Gegebenheiten seiner Umwelt und der Gesellschaft zu leiden hatte. Der Horror ergibt sich hier aus der Lebenssituation eines Menschen, der seine Existenz am Rande der menschlichen Gemeinschaft fristen muss. Wer ein solches Schicksal adäquat in Szene setzen will, benötigt nicht nur eine gute Story, sondern es muss auch gelingen eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, um die Lebensgeschichte noch dichter erzählen zu können. Dazu kommt ein bestimmtes soziales Milieu, das ebenfalls von einem ganz eigenen Flair beherrscht wird, die Welt der Jahrmärkte und heruntergekommener Freakshows.
Die Mediabühne schafft es, genau diese fragile Atmosphäre heraufzubeschwören, um die Dramatik des Inhalts noch besser hervorzuarbeiten. Eine Aufgabe an der schon viele andere Produktionen gescheitert sind. Die Geräusche sind gut arrangiert und passen zu den jeweiligen Orten und der Zeit, in der die Geschichte angesiedelt ist, auch hier hat man Fingerspitzengefühl bewiesen. Neben dem gesprochenen Wort ist sicherlich die Musik das wichtigste Stilelement eines Hörspiels. Wenn man einen derartig tragischen und dramatischen Lebensweg wie den von John Merrick nacherzählen möchte, muss auf diesen Aspekt große Sorgfalt gelegt werden, um mögliche Peinlichkeiten oder Irritationen beim Hörer zu vermeiden. Diese Sorge ist hier unangebracht, denn alle verwendeten Musikpassagen sind äußerst homogen und verflechten sich mit den Dialogen zu einem gelungenen Ganzen.
Wirft man einen Blick ins Booklet, erwartet einen dort ein doch sehr üppiger Cast an Sprechern. Dies ist zu einem guten Teil auch jenen Passagen geschuldet, in denen Bezug zu anderen Hörspielen der Reihe genommen wird und deren Hauptakteure für wenige Minuten ins Rampenlicht rücken. Der Kern der Hauptrollen rekrutiert sich aus den Mitgliedern der Jahrmarkttruppe und dem behandelnden Arzt von John Merrick. Michael Lott, vielen sicherlich bekannt aus seiner Rolle des "Mark Brandis", überzeugt an dieser Stelle als mitfühlender und barmherziger Arzt. Hans-Jürgen Wolf geht in seiner Rolle des fiesen und selbstsüchtigen Robert Noakes auf.
Der Mittelpunkt des eigentlichen Geschehens, John Merrick, ist immer nur dann zu vernehmen, wenn er dazu gezwungen wird, oder er einem der wenigen Menschen begegnet, denen er vertraut. Eine schwierige Figur, die für Peter Hawig jedoch kein Problem darstellt. Zu den bereits genannten Sprechern kommen Anne Moll und Santiago Ziesmer, die weitere Mitglieder der Show mit Leben füllen und ebenfalls einen mehr als guten Job abliefern. "Meister der Angst" macht alles richtig, die sehr gute Qualität der Produktionen trifft auf interessante Stoffe und fantastische Sprecher, auf diese Art darf man sich in Zukunft gerne noch weiteren Geschichten zu wenden. Unbestritten ein Hörspiel, das auch in 20 Jahren noch Relevanz haben wird.
# # # Justus Baier # # #
Publisher: Mediabühne/Random House Audio





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