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Movie-Review: Anonyma – Eine Frau in Berlin (Constantin)

Grelle Großbuchstaben auf dem Klappentext künden es: "Ein Kapitel deutscher Geschichte, über das zu lange geschwiegen wurde!" Die Verfilmung der (zuerst anonym erschienenen) Tagebuchaufzeichnungen von Martha Hillers.

anonyma_eine_frau_in_berlin_cover (c) Constantin / Zum Vergrößern auf das Bild klickenBerlin, Frühjahr 1945. Kriegsende. Die Rote Armee rückt in der Stadt vor. Für die Frauen beginnt ein Alptraum: Es kommt im Zuge der Befreiung der Stadt zu Übergriffen und Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten. Mittendrin die Heldin, Anonyma. Eine gebildete Frau, sie spricht viele Sprachen (auch Russisch), und war nicht unbedingt Gegnerin des NS-Regimes. Um den andauernden Vergewaltigungen zu entgehen, sucht sie sich Schutz: Sie wird die Geliebte eines sowjetischen Generals. Gleichzeitig führt sie Tagebuch, für ihren Ehemann, der verschollen ist. Im Finale des Films wird der sowjetische Offizier versetzt, der Gatte kehrt aus dem Krieg zurück. Und meint nach der Lektüre von Anonymas Tagebuch: "Ihr seid schamlos!"


Der Film legt, ganz in Nachfolge der Bernd-Eichinger-Schule der Verfilmung geschichtlicher Ereignisse, viel Wert auf historische Authentizität im Gegenständlichen, also auf Ausstattung, Maske, Kostüme, Requisiten, Szenenbild. Das ist per se nichts Schlechtes, das ist Kunstgewerbe auf hohem, ja höchstem Niveau – allein Kunst ist das noch nicht. Denn der wichtigsten Aspekt bleibt im Rausch der Ausstattungsorgie auf der Strecke: Die Protagonisten, ihre Motivationen, ihre psychologische Charakterisierung und die Analyse der komplexen Beziehungsgeflechte zwischen ihnen.


Der Film vermeidet moralische Wertungen. Das hätte eine große Stärke sein können, doch dafür hätte man die handelnden Personen als runde, komplexe Charaktere schildern müssen und nicht als plane Scherenschnitte in die Kulissen stellen dürfen. So wirkt der Film unentschlossen und kraftlos. Selbst Anonyma, die Hauptperson, ist seltsam farblos und papieren. Und die Tatsache, dass die Heldin auch als Stimme aus dem Off präsent ist und das Geschehen von einer übergeordneten Ebene aus kommentiert, schafft Distanz – Empathie kann nur schwer aufkommen. Ihre Beziehung zu dem sowjetischen General, die von Anfang an eine vor allem geschäftliche ist (Sex gegen Schutz) und viel Platz für Zwischentöne böte, muss natürlich dem naheliegendsten Klischee nach zur "Romeo und Julia"-Geschichte von der unmöglichen Liebe verbrämt werden.


Zum Bonusmaterial: Neben Interviews mit Schauspielern, dem Regisseur und Regieassistenten ist auch eine kurze Dokumentation enthalten, die deutlich die Prioritäten der Macher offen legt. Auf die Historie wird nur kurz eingegangen, lange werden hingegen die Dreharbeiten und die Authentizität des Filmes abgefeiert: Wow, die Sowjet-Soldaten werden natürlich auch von ganz echten russischen Schauspielern dargestellt! Der Film präsentiert sich mehr als Historienschinken denn als psychologisches Kammerspiel – schade, denn so wurde ein brisantes Thema verschenkt.

# # # Gustav Ganz # # #

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