Das Verhalten des Gutbesitzers wird immer ungezügelter und unberechenbarer. Einzig die Jagd auf den ausgedehnten Landgütern kann den jungen Mann mit Freude erfüllen. Daran ändert sich zunächst auch nichts, als er Kunde von einem weißen Wolf erhält, der in den nahen Wäldern sein Unwesen treibt. Sergejiwitsch sieht es als Herausforderung, das ungewöhnliche Tier zur Strecke zu bringen und ignoriert die Geschichten, die hinter vorgehaltener Hand in den Dörfern die Runde machen. Als jedoch die Leiche eines Wilderers in den Wäldern gefunden wird, kommen ihm Zweifel. Treibt tatsächlich ein Werwolf sein Unwesen.
Vor der abgeschiedenen und unwirklichen Kulisse der Karpaten entfaltet sich mit "Der weiße Wolf von Kopstopchin" eine klassische Schauergeschichte, in deren Mittelpunkt eine der bekanntesten Schreckensgestalten überhaupt steht, der Werwolf. Wie in vielen Erzähllungen über den Mythos vom Menschen, der sich bei Vollmond in ein blutrünstiges Tier verwandelt, beherrschen auch hier zwei Fragen das Geschehen: Wer verübt die abscheulichen Verbrechen in Wolfsgestalt und wird es den übrigen Protagonisten gelingen, ihn noch rechtzeitig zu entlarven? Obwohl im vorliegenden Fall recht schnell klar sein dürfte, wer der weiße Wolf ist, schmälert dies keinesfalls die Spannung, den man kommt nicht umhin, um das Schicksal der beiden Kinder von Sergejiwitsch zu bangen. Erst wenige Minuten vor Schluss wird diese quälende Frage geklärt, sodass trotz der üppigen Laufzeit keine Langeweile aufkommt.
Neben jenen Aspekten, die eindeutig dem Gruselgenre zugeordnet werden können, rückt immer wieder das Handlungsmotiv der Macht in den Fokus. Jene Macht, die Sergejiwitsch in die Verbannung trieb und sein weiteres Schicksal entscheidend mitbestimmt. Jene Macht, die er über seine Familie und Untergebenen ausübt und seine Umwelt zur Geisel seiner Launen macht. Und eben jene Art von Macht, die eine junge Frau durch ihre Ausstrahlung und Erotik auf die Männer ausübt. Hinzukommt jene Macht, hervorgerufen durch rohe Gewalt, ausgeübt von einem Wesen halb Mensch, halb Tier.
So gelingt es Titania Medien erneut einen Titel ins "Gruselkabinett" aufzunehmen, der vordergründig ein bereits oftmals behandeltes Thema aufgreift, sich durch die genannten Besonderheiten jedoch von der Masse der Veröffentlichungen abhebt. Die eingesetzten Soundeffekte erschaffen in Kombination mit den eingebrachten Musikstücken eine bedrohliche Winterkulisse, vor der eine kleine Gruppe von Menschen sich immer mehr in der tückischen Falle einer Bestie in Menschengestalt verfängt. Die Abwechslung von Szenen im Inneren des Gutshauses und im bedrohlich anmutenden Wald sorgt für eine äußerst dichte Atmosphäre, die einen schnell seine Umwelt vergessen und sich selbst inmitten der verschneiten Karpaten wähnen lässt.
Um dem Hörer eine wohlige Gänsehaut zu bescheren, bedarf es im vorliegenden Fall nur fünf Sprecher. Hans Bayer übernimmt die Rolle des Erzählers und gleichzeitig jene des alten Haushofmeisters, der als einziger die dunklen Vorzeichen zu deuten weiß und das Wohl seines Herren und seiner Kinder über das eigene stellt. Bayer zeichnet das Bild eines alten Mannes, der ein hartes Leben an der Grenze der Zivilisation verbracht hat und dessen Weltbild tief im Aberglauben verhaftet ist. Lando Auhage übernimmt die Rolle des schüchternen Sohns des Gutbesitzers und damit neben dem alten Wassiljewitsch der einzigen weiteren Figur, die beim Hörer Sympathien hervorrufen kann. Pascal Breuer verkörpert Pawel Sergejiwitsch, einen kalten, vom Alkohol gezeichneten Egomanen, dem nur das eigene Schicksal am Herzen liegt. Gerade bei jenen Szenen, in denen sich Breuer als Sergejewitsch seinem Sohn gegenüber in verächtlicher Weise äußert, wird die Kälte dieses Charakters deutlich. Eine sehr dichte und überzeugende Performance.
Clara Fischer ist als Olga, die jüngere Tochter Sergejiwitschs, zu hören, hier genügen bereits wenige Sätze, um dieses Kind nicht zu mögen. Schnell hat man ein Bild vor Augen, wie selbstverliebt, arrogant und dumm dieses Mädchen als junge Frau sein wird. Fischer gelingt es, das Wesen ihrer Rolle auf beeindruckende Weise hervorzuarbeiten. Als Ravina ist schließlich Anja Kruse zu hören, der es gelingt in fast jeden Satz ihres Textes eine ungewöhnliche Mischung aus Erotik, Verachtung und Bedrohung einfließen zu lassen, eine ebenfalls beeindruckende Leistung. "Der weiße Wolf von Kostopchin" bietet dem Hörer eine ansprechende Variation der bekannten Werwolf-Thematik, die mit herausragenden Sprecherleistungen punkten kann und so zum mehrmaligen Hören einlädt.
# # # Justus Baier # # #
Publisher: Titania Medien





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