Eines vorweg: Es handelt sich hier nicht um ein Buch, das der (leider) vorrangigen Beschäftigung der Wissenschaft mit der Geschichte des Mediums Comic gewidmet ist; vielmehr erhebt diese Schrift, mit der sich Jakob Dittmar 2007 in Medienwissenschaft habilitierte, den Anspruch, die Lücke an Publikationen über die Funktionsweise und grundlegenden Erzählungstechniken von Bildergeschichten etwas aufzufüllen.
Comics simulieren oftmals andere Medien, beispielsweise in ihrer Bilderfolge: So finden sich etwa analog zu großflächigen Landschaftsaufnahmen im Film auch dementsprechende Panoramas im Comic, verweisen farbige oder schwarz-weiße Sequenzen und die zeichnerische Darstellung an ihre Gegenstücke beispielsweise in Film oder Fotografie, auch die verwendeten Schrifttypen können andere Medien in ihrer Ausdrucksweise reflektieren.
Montageanleitungen können ebenso Comics sein, wenn man sie als Instruktionsliteratur betrachtet. Im Gegensatz zu Bildergeschichten wie Wilhelm Buschs "Max und Moritz", wo Bilder den Text nur illustrieren, ergänzen sich beide im Comic – im Gegensatz zum Film, der ähnliche Erzähltechniken nutzt, ist die Gleichzeitigkeit der Bilder ein wesentliches Merkmal. Die Art und Weise, wie Comics Bezüge zur realen Welt des Lesers schaffen, kann systematisch und wissenschaftlich untersucht werden.
In mehreren Kapiteln werden uns nun die einzelnen Komponenten, die für eine tiefergehende Analyse der "neunten Kunst" nötig sind, in ihren Funktionsweisen vorgestellt. Angefangen vom Rahmen, der das Bild begrenzt, definiert und mit der Gestaltung der Rahmengitter die Wirkung und Dynamik der Seite vorgibt. Das Bild selbst dominiert über Sprache und Text – das menschliche Gehirn benötigt etwa 1,8 Sekunden zur Aufnahme und Wiedergabe eines Bildes in seinen Grundzügen, während es in dieser Zeit vergleichsweise sieben Wörter versteht. Die Aufnahme und Rezeption eines Bildes werden von Faktoren wie Leserichtung, Format oder der Darstellung von Bewegungen und Emotionen beeinflusst.
Neben dem Bild spielt natürlich der Text eine wesentliche Rolle innerhalb eines Comics, sei es als Kommentar, Erläuterung, in Sprech- und Gedankenblasen oder Darstellung von Geräuschen. Abgesehen vom darin transportierten Inhalt beeinflusst er auch optisch und ästhetisch das Bild, genauso wie durch sein Fehlen. Er ist ebenfalls ein grafisches Element, das Stimmungen (etwa durch die Wahl von Handschriften oder Drucktypen) vermittelt und dadurch mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen werden kann. Text wie auch Bild verwenden Zeichen, die dem Leser aufgrund seines kulturell bedingten Hintergrunds bekannt sind und mit Figuren in Aktion und Bewegung einen Comic zu einer erzählenden Literaturgattung machen.
Am offensichtlichsten für den Rezipienten sind sicherlich die Komponenten Stil und Farbe, die im Rahmen der Erzählung eingesetzt werden. Wesentliche stilgebende Faktoren sind dabei nicht nur die Wahl des Papierformats, sondern auch die Art der Zeichengeräte, der Vervielfältigung und technische Möglichkeiten wie etwa Computerkolorierung. Nicht zuletzt verlagseigene Stile (im Bereich der US-amerikanischen Superhelden-Comics zum Beispiel der "Marvel-Stil" oder "Image-Stil") wirken sich durchschlagend auf die Wirkung eines Comics aus. Im Bereich Farbgebung und Helligkeit erleichtern schließlich Reduktion die Entschlüsselung und damit weniger Komplexität die Dechiffrierung des Inhalts durch den Leser.
Nicht zuletzt Erzählzeit und erzählte Zeit eines Comics steht in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner Rezeption: Abhängig von Übung und Vertrautheit des Lesers wird hier die Lesegeschwindigkeit bestimmt – und eine Dissonanz zwischen der Dauer der dargestellten Handlung und der Dauer des zugehörigen Textes erzeugt. Der Bezug eines Comics auf einen bestimmten historischen Kontext lässt sich etwa anhand verwendeter Schriftarten, sprachlichem Ausdruck, Kleidung und Architektur bestimmen, wobei Ungenauigkeit hier den Inhalt gegenwärtiger und eventuell sogar "zeitlos" erscheinen lässt.
Mit Ausführungen über Erzählebenen, Genres und Stimmungen, die sich innerhalb eines Comics verwenden und übereinander legen lassen, schließt das Buch ab. Das vielleicht wichtigste Resümee seiner Auseinandersetzung mit dem Medium Comic: "Die systematische Auswertung von Bildergeschichten erlaubt, diese als Quellen und Kommentar zu sozialen Positionen und Tendenzen und gesellschaftlichen Verhältnissen einer bestimmten Zeit einzuordnen und zu verwenden." Jeder Kommunikations- und Medienhistoriker wird hier sofort zustimmen, keine Frage; man hätte sich zu diesem Aspekt vielleicht aber zusätzliche, tiefer gehende Einsichten gewünscht. Eine Gewichtung zugunsten dieses Ansatzes, der nach Ansicht des Rezensenten eines der bedeutsamsten und effizientesten Mittel zur Analyse eines Comics darstellt, wäre hier wünschenswert gewesen – ergänzt durch ein Beispiel, wie sich die Erkenntnisse der Untersuchung an einem konkreten Beispiel demonstrieren ließen.
In seiner Gesamtheit ist Jakob Dittmars rund 200 Seiten starke Schrift trotzdem durchaus gelungen, wenn sich auch manchmal der eine oder andere Allgemeinposten und unnötige Wiederholungen in den Text geschlichen haben. Sieht man darüber hinweg, hat er seine Arbeit im Großen und Ganzen aber gut gemacht. Wem diese Habilitationsschrift hingegen allzu staubig daher kommt, sollte sich am besten an Scott McClouds populärwissenschaftlich gehaltene Bücher zum Thema halten.





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