Weg von dem bloßen Konsumieren des Horrors und her mit der wissenschaftlichen Bearbeitung eines Genres, das, seit es besteht so kontrovers betrachtet wurde wie wenige zuvor. Dem Leser wird die scheinbar meist einfache Struktur der Elemente des Horrorfilms vermittelt und er wird dazu gezwungen die banalsten Motive im Horror vor einen soziologischen und kulturwissenschaftlichen Hintergrund zu stellen um somit den eigentlichen, dahinter stehenden Sinn zu erkennen. So wird gleich im ersten Aufsatz des Buches "Law of the Dead" von Moldenhauer, Spehr und Windszus der Aufbau eines Horrorfilmes anhand von 10 Thesen zum modernen Horrorfilm dargestellt und unter Bezugnahme auf Theorien, wie denen von Walter Benjamin, Audre Lorde oder Carol Clover, analysiert und begründet. An Hand von überaus amüsanten Überschriften wie "Menschen bestehen zu 90 % aus Inhalt" oder "Frauen haben das Recht auf die Kettensäge" sowie vor einem sozial- und kulturwissenschaftlichen Hintergrund werden zehn Gesetzmäßigkeiten des Horrorfilms analysiert. Was sagen diese Gesetzmäßigkeiten über die Zielgruppe aus? Was sagen sie über die Erwartungshaltung unserer Gesellschaft aus und was lässt diese Erwartungshaltung auf die Ängste einer Gesellschaft schließen, die ihre Grundfesten im Konsum sieht und in welcher sich ganze Gesellschaftsschichten über ihre Konsumgeilheit definieren? Für diese und andere Fragen werden in diesem Aufsatz wissenschaftlich fundierte Antwortmöglichkeiten zusammengetragen und diskutiert.In dem nächsten Aufsatz von Udo Franke-Penski, mit dem Titel "Kettensägen, Lust und Toleranz – Zur Konsumierbarkeit von Horrorfiktionen", wird ein schon vorher genanntes Thema genauer behandelt: der Konsum. Nach einem Exkurs über die Entstehung des Horrors bzw. zum Genre der englischen Gothic Novel, wird versucht die Ursachen des Umstands auf die Spur zu kommen, warum viele Menschen gerne Horror der verschiedensten Arten konsumieren und auch noch eine gewisse Freude daran empfinden, wenn sie sich dem fiktiven Schrecken hingeben. Wer hier glaubt mit Aristoteles’ Katharsis alles erklären zu können wird diese zwar erwähnt finden aber wird auch sehr schnell bemerken, dass diese für die komplexen Sichtweisen, die eine wissenschaftliche Untersuchung des Genres benötigt, nicht genügt.
Weiters werden die verschiedenen Mechanismen des Horrorgenres analysiert und es wird, anhand der viel sagenden Überschrift "Kettensägen gestern und heute" untersucht welche Veränderungen das Genre durchgemacht hat. Gegen Ende des Essays wird noch ein sehr interessanter Ausblick in die Zukunft des Horrors gegeben. Ein weiterer sehr interessanter und vor allem amüsanter Essay stammt von Dieter Wiene und trägt den klangvollen Namen "Pleasure, Pain and Puberty – Die Schmerzen und Freuden des Aufwachsens im Buffyverse".
Hier wird die Serie "Buffy – The Vampire Slayer" in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert in welchem Maße sich in der Serie die realen Probleme pubertierender Jugendlicher, selbstverständliche auf metaphorische Art udn Weise, widerspiegeln. Als Beispiel sei hier die 15. Folge ("Phases") der zweiten Staffel genannt, welche sich um einen Werwolf dreht. Der Werwolf wird im Zuge dessen nicht nur als ein zum Standardrepertoire des Horrorfilms gehörendes Parademonster gesehen, sondern als Metapher. Als Metapher für die Veränderungen, welche die pubertierenden Jugendlichen am eigenen Körper erfahren: seltsamer Haar- und Körperwuchs sowie das Erwachen des Sexualtriebes. Dies ist nur der Beginn einer Untersuchung zu den in "Buffy" verwendeten Metaphern, welche an dieser Stelle als Leseanreiz genügen sollte. Es wird im Aufsatz noch viel genauer in diese und andere Materien vorgedrungen, die vollkommen neue und ungeahnte Sichtweisen auf "Buffy" ermöglicht, die man (oder zumindest ich) nicht für möglich gehalten hätte. Weiters wird jede Staffel einzeln analysiert um die Leitmotive der jeweiligen Staffel auf verschiedene, und oft recht überraschende Art und Weise, zu interpretieren. Dieses Essay wird das Bild von jedem Skeptiker, der diese „Teeny-Serie“ bisher nur belächelt hat (meine Wenigkeit ist da keine Ausnahme), grundlegend verändern und wird selbst Serien-Fans zu einer unerwartete Perspektive sowie zu neuen Fakten über die Serie verhelfen.
Im Aufsatz "Vom Entsetzen, einen Körper zu haben – Das bedrohte Ich in George A. Romeros Zombiefilmen" von Jakob Schmidt wird die Figur des Zombies und dessen Körperlichkeit untersucht. Es wird, unter anderen, z.B. die Frage gestellt was die Figur des Zombies über das Verhältnis zum Körper im Kapitalismus zum Ausdruck bringt. Auf die Theorien von Judith Butler, Julia Kristeva und anderen gestützt wird der „Körper“ des Zombies, sein „noch nicht Objekt, aber schon Nicht-Ich“ sein und dessen Bedeutung, beziehungsweise sein Ursprung, in unserer kapitalistischen Gesellschaft untersucht.
Obwohl dieser Essay zu einem der interessantesten in diesem Buch zählt ist es empfehlenswert sich vorher mit den im Text erwähnten Theorien vertraut zu machen. Vor allem Julia Kristevas "Powers of Horror. An Essay on Abjection" (1982. New York: Columbia University Press) empfiehlt sich als Lektüre um die Körperlichkeit der Zombies besser verstehen zu können.
Weiters finden sich in "On Rules and Monsters" sehr gute Essays über Nazihorror, Horror und die afrikanische Tradition sowie über die Inszenierung von Angst, um nur einige der sehr gut gestalteten, gut ausgearbeiteten und mit Quellen- sowie Literaturverzeichnis versehenen Essays zu nennen.
"On Rules and Monsters – Essays zu Horror, Film und Gesellschaft" ist ein Buch, das jedem Horrorfan eine andere, etwas ernstere und sehr viel wissenschaftlichere Sicht auf das Genre ermöglicht als dies im Normalfall möglich ist. Leser, die sich einfach nur am Schrecken und am Gruseln erfreuen wollen werden mit diesem Buch jedoch nicht viel anfangen können. Das Buch versucht einen fundiert wissenschaftlichen Darstellung der Dinge zu vermitteln. Wer hier reine Unterhaltung sucht, wird enttäuscht sein. Dies soll aber auch nicht der Sinn und Zweck von Sekundärliteratur sein; was das Buch aber auf jeden Fall zu leisten vermag: es ist im Stande den Untersuchungen zum Horrorfilm eine wissenschaftliche "Ernsthaftigkeit" zu verleihen und die wissenschaftliche Diskussion rund um den Horrorfilm anzuregen.
Wer sich also etwas mehr als der Durchschnittsverbraucher mit der Materie Horror beschäftigen möchte, ist mit diesem Buch also allerbestens beraten. Es bietet eine Unzahl von interessanten Denkansätzen, verschiedenste Theorien und auch viele amüsante Details und Informationen über das Genre die man mit einer oberflächlichen Betrachtung niemals erreichen könnte.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Forschung um den Horror weiterhin so progressiv und ambitioniert bleibt wie es in diesem Buch vermittelt wird…
###Christoph Höhl###





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