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Comic-Review: Thomas der Trommler (Cross Cult)

"YPS." – Man lasse in geselliger Runde (Alter: 25+) einmal beiläufig dieses Wort fallen. Nostalgie wird hochschwappen: "YPS! Ach ja, die Gimmicks! Die Steinzeitkrebse! Die mexikanischen Springbohnen! Das Ein-Mann-Zelt, das in die Hosentasche passt!"
Die Erinnerungen an die Comics allerdings, die in YPS erschienen sind, sind meistens verblasst. Eigentlich schade.

tdtc (c) Cross Cult / Zum Vergrößern auf das Bild klickenDenn neben (vor allem franko-belgischen) Funnys gab es auch deutsche Comics, die ausschließlich für das Heft produziert worden sind. Einer davon, "Thomas der Trommler", ist soeben wieder von Cross Cult aufgelegt worden. Die Serie erschien ab 1978 in YPS, geschrieben und getextet wurde sie von Peter Wiechmann, die Zeichnungen steuerten die Spanier Josep Gual und Juan Sarompas bei.


Peter Wiechmann hat sich dabei nicht an internationale Vorbilder angelehnt, die in räumlich entfernten Settings operieren (der Wilde Westen, der Dschungel, der Orient etc.) sondern einen genuin deutschen (respektive europäischen) Hintergrund gewählt: Den Dreißigjährigen Krieg.


Die Söldner des katholischen Feldherren Graf Tilly plündern den Landsitz einer hessischen Adelsfamilie. Der einzige Überlebende, der junge Grafensohn Thomas wird vom Musketier Geronimus gerettet und von Tilly rekrutiert: Als Trommler muss er fortan in vorderster Schlachtenreihe der Armee vorangehen.



Durch sein taktisches Geschick und seine Klugheit steigt er zum Cornett auf und bildet mit Geronimus, Ursus dem Riesen, Dschinigis, dem Bogenschützen und Jago, dem spanischen Messerwerfer eine eigene Rotte ("Die Trommler"), die unabhängig von Tillys Armee Spezialaufträge ausführt.


Doch die Trommler fallen alsbald in Ungnade und werden von beiden Kriegsparteien, den Protestanten und den Katholiken gehetzt. Schließlich gelingt ihnen die Flucht auf ein Schiff und sie brechen nach Amerika auf.


"Thomas der Trommler" hat natürlich nicht den Anspruch, ein Geschichtswerk zu sein, wiewohl historisch verbriefte Persönlichkeiten (Graf Tilly, Christian von Braunschweig) und Begebenheiten vorkommen; kurze Essays am Ende jedes Kapitels (illustriert mit zeitgenössischen Kupferstichen etc.) beschäftigen sich aber intensiv mit der Historie des Dreißigjährigen Krieges (zum Beispiel mit dem Söldnerleben, den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, dem Leben der Bauern) und leuchten den geschichtlichen Hintergrund des Comics aus.


Wiechmann ist es zudem hoch anzurechnen, dass er den Dreißigjährigen Krieg nicht bloß als spektakuläre Kulisse verwendet, vor der seine Helden ihre Abenteuer bestehen: Als Ostinato zieht sich durch die gesamte Serie der humanistische Anspruch, die Absurdität, die Grausamkeit und das Unmenschliche des Dreißigjährigen Krieges (aber auch des Krieges allgemein) darzustellen und scharf zu kritisieren.


Ganz klar, man merkt dem Comic sein Alter an: Er ist eine klassische Abenteuergeschichte mit klar charakterisierten Helden, trotz des rudimentären Handlungsbogen liegt der Fokus auf den einzelnen Kapiteln, die in sich abgeschlossene Episoden sind: Wiechmann steht damit aber auch durchaus in der literaturhistorischen Tradition deutscher Barockromane (Grimmelshausens "Simplicissimus", Schnabels "Insel Felsenburg"), in denen die einzelnen Episoden Vorrang vor einer ausgefeilten Konstruktion der Handlung genießen.


Scheinen die Kameraden von Thomas zuerst recht eindimensional charakterisiert (nach Herkunft und/oder Fähigkeiten: Ursus, der Riese mit den Bärenkräften; Dschinigis: Tartare, guter Reiter und Bogenschütze; Jago: Spanier, Messerwerfer), revidiert sich dieser erste Eindruck in jenen Kapiteln, in denen der Handlungsfortlauf unterbrochen wird und die Kumpane von Thomas ihre Lebensgeschichten erzählen (übrigens erneut eine formale Reminiszenz an barocke Romane): Dschingis, Geronimus und Jago, aus den verschiedensten Gegenden Europas stammend, präsentieren sich in diesen als Antihelden, gebrochene, entwurzelte Persönlichkeiten, deren Biographien durch die Grausamkeiten des Krieges geprägt und zerstört wurden.


Und dass die Helden angeekelt von Leid, Not und Hass schließlich den alten Kontinent verlassen und in eine bessere, neue Welt – nämlich die Neue Welt – aufbrechen, erinnert ebenfalls an die utopischen Enden von Barockromanen.


Die Zeichner Gual und Sarompas haben Wiechmanns Geschichte kongenial umgesetzt: Die harten, holzschnittartigen Schwarz-Weiß-Bilder illustrieren die Abenteuer der Trommler mit Detailverliebtheit; dabei erinnern sie an Hal Fosters "Prinz Eisenherz", vor allem in den Prologen der Kapitel, wo anstelle von Sprechblasen mit Bildtexten gearbeitet wird.


Aber Gual und Sarompas bedienen sich – wohl angeregt durch die Zeit der Handlung – auch barocker Bildsprache, etwa wenn in einem Panel die marodierenden Söldnerheere allegorisch durch die vier apokalyptischen Reiter dargestellt werden.


Resümee: Eine echte Wiederentdeckung! Ein Stück deutscher Comic-Geschichte wurde dem Vergessen entrissen und den Lesern in schöner Aufmachung vorgelegt. Seinem Helden Thomas gleich sollte übrigens auch Texter Peter Wiechmann bald in die Vereinigten Staaten aufbrechen: Sein nächster Comic für YPS, "Hombre" spielt im Wilden Westen und wird auch demnächst von Cross Cult neu aufgelegt.

 

# # # Gustav Ganz # # #





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