"Politik besteht nicht selten darin, einen simplen Tatbestand so zu komplizieren, dass alle nach einem neuen Vereinfacher rufen", sagte einst der italienische Journalist und Schriftsteller Giovanni Guareschi.Ein solcher Vereinfacher war sicher unser liebster Ex-Präsident aller Zeiten, George W. Bush, der sich im Gefolge des 11. Septembers dazu berufen fühlte, die ihm am wenigsten liebsam erscheinenden weltpolitischen Antagonisten fürsorglicher US-Hegemonie in einer als "Achse des Bösen" genannten Rogue Gallery zusammenzufassen: Staaten, die mit dem internationalen Terrorismus kooperieren würden. Und da man bei derzeit insgesamt 193 Staaten schnell den Überblick verlieren kann, beschränkte er sich gnädigerweise auf das Trio Iran, Irak und Nordkorea.
Aufmerksame Konsumenten westlicher Medien wissen ja: Iran und Irak, das sind die netten Leutchen die uns mit Öl versorgen. Aber Nordkorea? Haben die nicht ein Nuklearprogramm inklusive Atomwaffen und diesen komischen kleinen Staatschef mit antiquiertem Modegeschmack und Krankenkassen-Brillen, der einen Minderwertigkeitskomplex besitzt und in seiner Einsamkeit mitunter traurige Arien anstimmt?
Zugegeben, die beiden letztgenannten Eigenschaften entstammen der Fantasie der "Team America: World Police"-Macher Trey Parker und Matt Stone, können aber durchaus als humorvolle Reflexion dessen gesehen werden, was wir über das abgeschottete kommunistisch regierte Land nördlich des 38. Breitengrads wissen – oder auch nicht wissen. Karl Stingeders Buch "Die Causa Nordkorea: Wie berechenbar ist das totalitäre und isolationistische Regime wirklich?" setzt hier an und versucht den Rauch aus Propaganda, Fiktion und unterschiedlichen Ebenen medialer Wahrnehmung zu lüften.
Unabdingbar für das Verständnis der politischen Handlungsmaxime der "Demokratischen Volksrepublik Korea" (DPRK) ist die sogenannte "Juche"-Ideologie. Entwickelt von Kim Il-Sung, Vater und Vorgänger des derzeitigen Staatschefs Kim Jong-Il, kann man sie als spezifisch nordkoreanische Identifikations- und Leitidee bezeichnen. Sie greift unter anderem auf konfuzianische Ideale zurück, mit der sich das autoritäre Herrschaftssystem legitimieren lässt, und bindet mit der Idee des allwissenden "Führers" auch religiöse und kultische Motive mit ein. Als Grundmaxime der "Juche" kann die Selbstbehauptung und Abschottung des (nord)koreanischen Volks vom feindlich gesinnten Ausland bezeichnet werden. Mit der Beschlagwortung „Kommunismus“ ist die Eigenheit des nordkoreanischen Herrschaftsmodells jedenfalls nicht (mehr)zu fassen, da sich hier entgegen grundlegenden Prinzipien des Marxismus-Leninismus keine "Homogenisierung der Klassen" vollzieht.
Vielmehr hat sich seit dem Tod Kim Sung-Ils 1994 eine Verschiebung des Machtepizentrums hin zur Armee vollzogen, die seitdem über dem Staat selbst steht. Diese "Priorisierung" des Militärs hat ihre Ursache aber weniger im Zusammenbruch des Ostblocks und daraus resultierenden rückgängigen Wirtschafshilfen, sondern einer angestrebten innenpolitischen Festigung. Verwunderlich für westliche Beobachter bleibt somit, dass trotz einer langfristig erodierenden Wirtschaftsordnung und Hungerkatastrophen die weitestgehende Autarkie des Landes oberste Handlungsmaxime des Regimes bleibt.
Für die internationale Diplomatie gilt Nordkorea als wenig zuverlässig, gleichzeitig aber unberechenbar und latent aggressiv. Wie der Autor nach einer Analyse des militärischen Potentials der DPRK darlegt, ist die riskante offensive Außenpolitik nicht auf einen tatsächlichen Konflikt gegen Südkorea und die Schutzmacht USA ausgelegt, sondern auf das Verbessern der eigenen Lage aus einem Moment der Schwäche heraus – im Sinne der klassischen Abschreckungstheorie. In diesem Kontext sind denn auch die Bemühungen des Nordens im Bereich der Raketentechnologie sowie besonders das Atomprogramm zu sehen: Das Regime kommunizierte letzteres zwar medial nach außen, legte bisher aber keine eindeutigen Beweise für die tatsächliche Existenz einsatzfähiger Nuklearwaffen vor.
Für die Lösung dieses "nordkoreanischen Dilemmas" und der permanenten Spannung auf der koreanischen Halbinsel gibt es, wie Karl Stingeder zusammenfasst, kein Patentrezept. Zwar ist zur Zeit ein Krieg mit dem Süden aufgrund des zu erwartenden Regimekollaps in der DPRK nach einer Niederlage wenig wahrscheinlich, trotzdem lässt sich die Politik des Nordens in ihrer scheinbaren Irrationalität nur schwerlich voraussagen und bleibt eben deshalb ein permanentes Risiko für die Region.
Karl Stingeder bietet mit dem vorliegenden Buch, erschienen in der politikwissenschaftlichen Reihe des Tectum Verlags, die aktuellste Analyse zur Verortung der Motive eines für den Westen nur schwerlich zu fassenden Herrschaftssystems, dass regelmäßig für Irritationen auf dem internationalen Parkett sorgt. Der ideologisch bedingte Isolationismus des Landes bei gleichzeitiger Politik der Stärke nach außen wird treffend herausgearbeitet und mit der Darlegung der wichtigsten wissenschaftlichsten Ansätze und ihrer Möglichkeit, die realen Vorgänge zu erklären, auf ein solides methodisches Fundament gestellt. Als einzig nennenswerter Kritikpunkt muss die Darstellung der historische Entwicklung auf der Halbinsel Korea genannt werden, die teilweise etwas fragmentarisch ausgefallen ist und in einer umfassenderen Form wünschenswert gewesen wäre. Nichtsdestotrotz ist "Die Causa Nordkorea" als Ganzes eine gelungene Analyse geworden und für jeden zu empfehlen, der sich abseits medialer Inszenierungen einen Überblick zur Thematik machen will.
# # # Andreas Grabenschweiger # # #





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