Ein kleines Bergdorf in den Walliser Alpen, 1920er Jahre: Der Frühling und die Touristen haben erst spärlich Einzug gehalten. In diese einsame Landschaft kommt Melvin Z. Woodworth, ein englischer Schriftsteller mit serbischen Wurzeln. Er ist auf der Suche: Einerseits nach Inspiration (sein Verleger sitzt ihm im Nacken und möchte, dass er endlich seinen nächsten Roman abliefert), andererseits erforscht er seine Familiengeschichte. Sein Bruder Dragan, ein (wie sich im Laufe der Handlung herausstellen wird, erfolgloser) Komponist ist nämlich vor Jahren im Grand Hotel, das etwas außerhalb des Örtchens liegt, bei einem banalen Unfall ums Leben gekommen und liegt am Dorffriedhof begraben.
Doch die ländliche Idylle bekommt Risse: Der Gletscher oberhalb der Ortschaft ist in Bewegung, knarrt und ächzt: Er soll nach einer alten Legende bereits vor Jahrhunderten ein anderes Dorf unter sich begraben haben. Gendarmen fahnden nach dem Falschmünzer Baptistin, der sich irgendwo in den Bergen versteckt hält, des Nachts klingen aus dem Grandhotel Melodien aus der Feder von Melvins Bruder, und wer ist die geheimnisvolle Schönheit, die Melvin auf einer Skitour entdeckt?
Schließlich muss das Dorf evakuiert werden, doch Melvin beschließt, allein zurückzubleiben und weiterzusuchen. Und findet schlussendlich das, was er braucht.
Es wird oft behauptet, dass jeder Schriftsteller im Grunde immer dasselbe Buch schreibe, ein Grundthema habe, an dem er sich in jedem seiner Werke abarbeite. Auf den Schweizer Comic-Künstler Cosey trifft das wohl zu, "Suche" ist das zentrale Motiv, das jede seiner Graphic Novels beherrscht.
"À la recherche de Peter Pan" war seine erste große Erzählung. James M. Barries Kinderbuch vom Jungen, der nicht erwachsen werden will, spielt in ihr eine große Rolle: Cosey hat jedem Kapitel seiner Graphic Novel ein Zitat aus "Peter Pan" vorangestellt; der Schriftsteller Melvin hat das Buch von seinem älteren Bruder zum 10. Geburtstag geschenkt bekommen und so knüpft es ein sentimentales Band zwischen den beiden – der Schmöker ist Melvins einzige Lektüre im Walliser Bergdorf, und als er von anderen Touristen erkannt wird, antwortet er auf die Frage, wie denn sein nächster Roman heißen werde, spontan "Auf der Suche nach Peter Pan".
Cosey entwickelt seine Erzählung gelassen und langsam, das ganze Buch ist von großer Ruhe und berückender Stille getragen, auch in den Zeichnungen: Trotz seines ausdruckstarken, fast nervös zu nennenden Strichs schafft es Cosey – gerade in Landschaftsdarstellungen – Bilder von erhabener Ruhe zu schaffen, in denen sich der Leser verlieren kann.
Musik spielt in "Auf der Suche nach Peter Pan" eine große Rolle, und auch das findet Widerhall auf der graphischen Ebene: Jede einzelne Seite ist von Cosey, was Anordnung und Größe der Panels betrifft (und das schließt auch Leerstellen mit ein), präzise durchkomponiert, was aber nie steril oder berechnend erscheint.
Berechnend, auf äußere Wirkung und stringente Logik abgezielt wirkt nichts in Cosey legendärer Graphic Novel. Er nimmt sich die Freiheit, ganz unbelastet zu assoziieren und gelangt so zum Beispiel von Peter Pan zu Pan aus der griechischen Mythologie; dieser, Gott der Natur, obsiegt am Schluss über die Zivilisation.
Eine Klasse für sich auch die Kolorierung, eindringlich und stimmig – man merkt, dass Cosey seinen Einstieg in die Comicszene als Kolorist feierte. So sind die Dorfszenen in erdigen Braun- und Gelbtönen gehalten, die einerseits Heimeligkeit, aber auch Bedrohung vermitteln. Im Gegensatz dazu die kalten Farben der alpinen Natur ums Dorf, das eisige Blau des Himmels, das abweisende Grau der zerklüfteten Berge und das strahlende Weiß des Gletschers. Im letzten Kapitel der Graphic Novel, das in Italien spielt, beherrschen mediterranes Licht und helles Bunt die Szenerie.
Die prachtvolle Neuausgabe wird – noch vor dem Comic selbst – eröffnet von einem kurzen Essay über das Wallis, ein ungewöhnlicher Einstieg, der aber durchaus Sinn macht: Coseys detailgetreue Wiedergabe eines Schweizer Bergdörfchens zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich so erst richtig würdigen, das vermittelte historische Hintergrundwissen bereichert die Lektüre ungemein.
Im Anhang findet sich Volker Hamanns Essay "Der Zeichner der Stille" über Leben und Werk von Cosey, frühe Cover, Entwürfe und Layoutskizzen von "À la recherche de Peter Pan" stehen dem Artikel unterstützend zur Seite. Ein Interview mit dem Meister selbst beschließt diese wunderbare Neuedition.
# # # Manuel G. Mattweber # # #





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