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Book-Review: Paradise Now!? (Schüren)

Ein Tagungsband versammelt Beiträge über die wechselvollen und vielschichtigen Zusammenhänge von Religion, Politik und Gewalt.

Paradise Now!? (c) Schüren Verlag / Zum Vergrößern auf das Bild klickenAusgehend von der These, dass gerade in komplexen Spannungsfeldern wie diesen (bewegte) Bilder und filmische Erzählungen differenzierend einspringen können, hat sich die internationale Forschungsgruppe „Film und Theologie“ anhand von filmischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus einerseits, dem Israel-Palästina-Konflikt andererseits mit der Trias Politik - Religion - Gewalt beschäftigt.

„Film und Theologie“ ist eine Kooperationsgemeinschaft von WissenschaftlerInnen und in der kirchlichen Medienarbeit aktiven TheologInnen aus dem deutschen Sprachraum und den Benelux-Ländern. Einmal jährlich treffen die Mitglieder der Forschungsgruppe im Rahmen eines Symposiums aufeinander, das jeweils einem Themenschwerpunkt gewidmet ist. Die Referate dieser Symposien (aber auch weiterführende Beiträge) werden dann im Nachhinein einem größeren Publikum in Buchform zugänglich gemacht. Der vorliegende Band fasst das Symposium von 2006 zusammen, das in Seefeld/Österreich stattfand.

Drei einführende Beiträge stecken zuerst einmal das Feld des Symposiums ab: Wolfgang Palaver versucht eine Antwort auf die ewige Frage, warum der Nationalsozialismus für soviele (und gerade intelligente, gebildete, begabte) Menschen eine derart große Anziehungskraft haben konnte. Hierbei bezieht er sich auf Platons Politeia und dessen Metapher vom großen Tier und besieht das Phänomen durch das Sichtfeld der anthropologischen/religionspolitischen Brille.

Die Renaissance, Popularisierung und gleichzeitig Trivialisierung des Begriffs des Märtyrers in unseren Tagen ist Thema von Roman Siebenrock. In einem weit ausholenden historischen Überblick geht er den Wurzeln und der Phänomenologie des Begriffes auf den Grund und stellt schließlich sein Ideal des - genuin christlichen - Martyriums vor.

Claus-E. Bärsch erforscht die religiösen Motive in Hitlers Schriften und Reden und stellt anhand zentraler Begriffe des Nationalsozialismus („Volk“, „Heil“, „Gewalt“) die Frage, inwieweit diese Ideologie den Charakter einer „politischen Religion“ hatte. 

Der zweite Teil des Buches umfasst Aufsätze, die sich mit Filmen zur Anpassung und Widerstand im Nationalsozialismus beschäftigen. In einer kundigen, kritischen Analyse setzt sich Christian Wessely mit Leben und Werk von Leni Riefenstahl (v.a. mit Triumph des Willens) auseinander, nicht ohne auch das Früh- und Spätwerk der Regisseurin einzubinden.

Peter Hasenberg unterzieht die drei bisherigen Verfilmungen der Geschichte der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" einer vergleichenden Analyse und fokussiert auf das Spannungsfeld historische Authentizität versus (notwendige?) filmdramaturgische Bearbeitung. Dieses Dilemma beherrscht auch ein vorangestelltes Interview mit Fred Breinersdorfer (Autor des Filmes Sophie Scholl – Die letzten Tage).

Mit Volker Schlöndorffs Der Neunte Tag befassen sich gleich zwei - inhaltlich sehr unterschiedliche - Beiträge: Józef Niewiadomski beschäftigt sich in seinem etwas sehr fachspezifischen Beitrag mit der Rolle des Sakramentes der Eucharistie in diesem Film. Reinhold Zwick stellt die (polemische?) Frage „Fiktion und/oder Authentizität?“ und vergleicht wohltuend kritisch Film und literarische (autobiographische) Vorlage.

Der dritte Teil des Buches ist Filmen gewidmet, die sich mit dem Palästina-Konflikt auseinandersetzen. Ein Interview mit der Regisseurin Yulie Cohen Gerstel (My Terrorist, My Land Zion) über ihre Dokumentarfilme, aber auch die aktuelle Situation in Israel steht am Beginn.

Wilhelm Guggenberger beleuchtet dann die Vielzahl der Faktoren, die im Konflikt Israel-Palästina eine Rolle spielen. Anhand der Dokumentarfilme Promises und My Terrorist wird veranschaulicht, wie sich beide Konfliktparteien jeweils als Opfer gerieren. Guggenberger versucht im Weiteren durchaus konkret aufzuzeigen, wie dieser „Teufelskreis der Viktimisierung“ zu durchbrechen wäre. 

Dieselben zwei Filme analysiert auch Matthias Müller und führt sie als Belege dafür an, wie sich der Konflikt auf Kinder (und auch in weiterer Folge auf deren Eltern) auswirkt. In einem weiteren Schritt geht er vom Konkreten ins Philosophische und stellt seine Analyse auf ein theoretisches Fundament. Den Faden des vorangegangen Beitrages aufnehmend fokussiert Alexander Dablander auf die jugendlichen Protagonisten in Promises und bleibt in seinen Ausführungen angenehm nahe beim Film selbst.

„Wem gehört Jerusalem?“ fragt Teresa Pietsch, ausgehend von den Filmen Promises, My Terrorist und Paradise Now. Nach einer kurzen Erläuterung des symbolischen Stellenwerts Jerusalems für die drei großen monotheistischen Religionen, wird die Rolle Jerusalems im Zwölfpropheten-Buch des Alten Testamentes beleuchtet. Die etwas banale Conclusio lautet schlussendlich: Der ausschließliche Anspruch auf Jerusalems und der Versuch, ihn auch mit Gewalt durchzusetzen, lassen sich nicht mit göttlichem Willen begründen, sondern entspringen menschlichen Schwächen.

Eine detaillierte, filmtheoretisch fundierte Decodierung des Filmes Paradise Now durch Marco Russo beschließt den Reigen der Beiträge. Eine Filmographie, eine Bibliographie und Kurzbiographien der Autoren, (respektive Vortragenden) bilden den Anhang des Buches. Ein Reader, der zum Thema Aufsätze unterschiedlichster Natur (und Qualität) vereint. Und auch wenn manche der Abhandlungen auf ein sehr spezifisches Fachpublikum zielen, finden sich in dem Tagungsband doch auch genügend aufschlussreiche Beiträge für den theologisch nicht vorgebildeten, kulturwissenschaftlich interessierten, filmaffinen Leser.


###Manuel G. Mattweber###
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