Seitdem der Historiker Titus Livius (vermutlich 59 v. Chr.-17 n. Chr.) in seiner Darstellung der römischen Geschichte erstmals einen fiktiven Gang der Historie – nämlich was gewesen wäre wenn Alexander der Große sein Reich nicht nach Osten, sondern westwärts ausgedehnt und Rom in einen Krieg verwickelt hätte – konzipierte, ist "alternate history" ein gern benutzter Spielplatz der schreibenden Zunft. Wer glaubt, dass derlei Gedankenspiele müßig sind und keinen reellen Wert erbringen würden, irrt jedoch: "What if"-Szenarien helfen nicht zuletzt politischen und militärischen Entscheidungsträgern, allfällige Risiken ihrer Handlungen abzuschätzen.
Und außerdem macht das Spekulieren gehörigen Spaß: Was wäre, wenn Napoleon aus der Schlacht von Waterloo als Sieger hervorgegangen wäre? Die Südstaaten den amerikanischen Bürgerkrieg für sich entschieden hätten? Im Laufe der deutschen Wiedervereinigung die BRD der DDR beigetreten wäre anstatt umgekehrt? Seit Philipp K. Dicks "Das Orakel der Berge" ("The Man in the High Castle") von 1962 ist auch der Zweite Weltkrieg ein oft beackertes Feld für alternative Geschichtsentwürfe: Eines der bekanntesten davon ist sicherlich Robert Harris’ mit Rutger Hauer in der Hauptrolle verfilmte Buch "Vaterland" ("Fatherland"), bei dem Deutschland den Krieg gewinnt.
Bei "The Life Eaters" von David Brin und Scott Hampton ist der "D-Day", die Landung der alliierten Streikräfte in der Normandie am 6. Juni 1944, der entscheidende Wendepunkt der fiktiven Geschichte. Durch das plötzliche Erscheinen von Odin, Thor und anderen Göttern der nordischen Mythologie an der Seite der Nazis wird die gewaltige angloamerikanische Armada zerstört. Mithilfe der Asen können die Deutschen die drohende Niederlage abwenden und zum Gegenschlag ausholen. Zwei Jahrzehnte später haben sie Amerika besetzt und rekrutieren hier neues Kanonenfutter, das gegen die in Asien erschienenen neuen Götter in die Schlacht geworden werden soll. Diese geben den nordischen Herren ein Rätsel auf, da sie bei ihrem Vormarsch viele Ölfelder in Brand gesetzt haben – gelöst werden soll das Rätsel mithilfe des Meteorologen Joseph Kasting, den ein junger Helfer Thors mit eigenen Interessen begleiten soll.
Harter Tobak, der uns hier geliefert wird. David Brin hat seine ursprüngliche Geschichte "Thor Meets Captain America" von 1987, deren Grundzüge im ersten Kapitel des vorliegenden Werks wiedergegeben werden, großartig ausgebaut. Deutlich zu erkennen sind auch zwei Reminiszenzen an das bereits erwähnte Buch Dicks, das der Autor in seinem Nachwort erwähnt: Ebenso wie beim "Orakel" trägt sich die Kernhandlung im Jahr 1962 zu und wird Hitler als dahinvegetierendes, syphilitisches Wrack beschrieben.
Der Dreh- und Angelpunkt des alternativen Geschichtsszenarios, das Auftreten der nordischen Götter, ist gelungen in die tatsächliche, bis heute in weiten Teilen nebulös gebliebene Obsession der Nazis für Okkultes und Mythen im Dunstkreis von Thule, Schwarzer Sonne und Ariosophie eingearbeitet. So bietet Brin denn auch für die Schrecken der Konzentrationslager im Zusammenhang mit den Asen eine schockierende Erklärung, die in ihrem Irrsinn nicht weniger irrational ist als die Realität des Holocaust selbst.
Die Kernbotschaft von "The Life Eaters", nämlich dass im einzelnen Mensch selbst potentiell gottgleiche und heldenhafte Kräfte schlummern, die zum Schaffen von Neuem und Gutem verwendet werden sollten, kämpft an manchen Stellen allerdings etwas mit dem Textwulst. Man merkt, dass der Autor mit den Spezifikationen des Mediums Comic ein bisschen gekämpft haben mag. Über Zeichner Scott Hampton, Kennern vielleicht von seinen Arbeiten an Batman, Deadman und Star Trek bekannt, kann an dieser Stelle nur Positives gesagt werden: Seine Figuren mit kantigen, von Schmerz und Tod geprägten Gesichtern bewegen sich in einem entsprechend düsteren Setting, das farblich nur selten gebrochen wird.
# # # Andreas Grabenschweiger # # #





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