Der Pazifik Mitte des 19. Jahrhunderts. In den endlosen Weiten des Ozeans hat ein Segelschiff, mit einer kleinen Gruppe von Passagieren an Bord, seit mehreren Tagen mit einer Flaute zu kämpfen. Zum Nichtstun verdammt, versucht die Besatzung so gut es geht die Zeit totzuschlagen. Eines Abends zieht dichter Nebel herauf und hüllt das Schiff in undurchdringliche Finsternis. Plötzlich nähert sich ein Fremder in einem Ruderboot dem Segler und bittet um Hilfe. Dabei berichtet der einsame Passagier von den seltsamen Umständen, die ihn in dieses Rettungsboot gebracht haben und welch grauenvolles Schicksal ihn erwartet. Je länger die Geschichte des Unbekannten andauert, desto klarer wird der Besatzung, dass der Nebel ein furchtbares Geheimnis hütet.William Hope Hodgsons dürfte in Deutschland zu den eher unbekannten Vertretern der viktorianischen Epoche der Horrorliteratur zählen. Ihm ist es Zeit seines Lebens und darüber hinaus nicht gelungen, sich aus dem Schatten der ganz großen Namen dieser Gattung zu lösen. Ein Umstand, der seinem Werk allerdings nicht gerecht wird, denn seine Kurzgeschichten und Romane, die fast alle seine große Liebe zum Meer und der Seefahrt zum Ausdruck bringen, brauchen sich nicht zu verstecken. Dem britischen Autor gelingt es mit seinen Geschichten, die häufig weit draußen auf dem Ozean, weitab von jeder Zivilisation angesiedelt sind, eine ganz eigene, beklemmende Stimmung zu erzeugen. So auch bei "Stimme in der Nacht", der bereits zweiten Geschichte, die erfreulicherweise ihren Weg ins "Gruselkabinett" gefunden hat.
Wenn sich eine Story durch eine dichte, angsteinflößende Atmosphäre auszeichnet, die sich langsam Stück für Stück aufbaut, bedarf es eines besonderen Fingerspitzengefühls, um diese Besonderheit von den Seiten eines Buchs ins Hörspiel zu transportieren und den Hörer ebenso wie den Leser mit den unheimlichen Ereignissen gefangenzunehmen. Titania Medien ist dieser schwierige Transfer einmal mehr ohne Schwierigkeiten geglückt. Es gelingt trotz der geringen Anzahl agierender Figuren, die verstörende Stimmung von "Stimme in der Nacht" zu transportieren und den Horror langsam und schleichend aufzubauen.
So nimmt auch die Soundkulisse eine Ausnahmerolle ein. Fast in jeder Szene sind von Wasser erzeugte Geräusche zu vernehmen, womit es gelingt, für den Hörer eine deutliche Abgrenzung zu erschaffen. Man befindet sich weitab von jeder Landmasse und jedweder Art von Zivilisation, die Hilfe verspricht, man ist auf sich allein gestellt. Das Gefühl von Isolation stellt sich ein. Ein Gefühl, das "Stimme in der Nacht" dem Hörer auf subtile Art näherbringt. Aber auch alle anderen dezent zum Einsatz gelangenden Geräusche sind stimmig und unterstützen die Vorstellungskraft des Rezipienten. Hier wurde alles richtig gemacht. Die Produktion wirkt ruhig und vom Aufbau her eher altmodisch, schnelle Szenenwechsel und rasante Action sind hier Fehlanzeige und auch gar nicht gewünscht. "Stimme in der Nacht" erzählt eine maritime Schauergeschichte, die sich Zeit nimmt, den Horror aufzubauen.
Mit lediglich vier Stimmen kommt dieses Hörspiel aus, doch das tut der Geschichte keinerlei Abbruch. Der kleine Sprecherkreis unterstreicht erneut das Gefühl der Isolation. Alle Sprecher sind mit Begeisterung bei der Sache und machen dieses Kammerspiel zu etwas Besonderen. Vor allem Lutz Mackensy und Reinhilt Schneider beeindrucken mit ihrer Leistung in den Rollen von John und Vivian, beide dürften hier sehr nahe an der Idealbesetzung agieren. Wieder einmal ist es Titania Medien gelungen, dem "Gruselkabinett" eine Perle der Grusel- und Horrorliteratur hinzuzufügen.
# # # Justus Baier # # #
Publisher: Titania Medien/Lübbe Audio





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